Sue-Ellen Pashley – Am Abgrund des Himmels

Aus dem Englischen von Claudia Max
Originaltitel: Aquila | Random House Romance Australia
Gebundene Ausgabe 376 Seiten | ISBN-10: 3407749236, ISBN-13: 978-3407749239 | Alter: Ab 14-17 Jahren | Gulliver von Beltz & Gelberg; Deutsche Erstausgabe (10. Juli 2017)

Keywords: Jugendbuch, Fantasy, Freundschaft, Gestaltwandeln, Adler, Liebe, Fotografie, Missbrauch, Gewalt

Inhalt: Das Letzte, was Grace nach ihrem Umzug von Sydney nach Bruny Island will, ist, sich neu zu verlieben. Der Faszination des Nachbarsjungen Nick kann sie sich jedoch nicht entziehen. Als er Grace vor dem sicheren Tod bewahrt, offenbart sich sein Geheimnis: Nick ist ein Gestaltwandler – er kann sich in einen Adler verwandeln. Aber er darf keine Beziehung mit einem gewöhnlichen Menschen eingehen. Ist ihre Liebe zum Scheitern verurteilt? Weder Nick noch Grace wollen das akzeptieren ...

Ein überwältigender Roman voller Tragik und Leidenschaft – von ungeahnten Kräften und darüber, wie wahre Liebe alle Abgründe überwindet.

Autorin: Sue-Ellen Pashley packte schon früh die Leidenschaft für Bücher und das Geschichtenerzählen. Sie lebt in einer kleinen Gemeinde vor den Toren von Gladstone in Queensland mit ihren drei Kindern und ihrem Mann. Sie arbeitet als Sozialarbeiterin und als unbezahlte Taxifahrerin für ihre Kinder. Außerdem muss sie sich um diverse Haustiere kümmern. Und irgendwo zwischendrin versucht sie, die Zeit zu finden, um zu schreiben. Sue-Ellen Pashley ist Mitglied des "Queensland Writers Centre", des "Romance Writers of Australia" und der "Bundaberg Writers Group". "Am Abgrund des Himmels" ist ihr erster Roman.

Website | Verlag | Leseprobe

Susin Nielsen | Die hohe Kunst, unterm Radar zu bleiben

Aus dem Amerikanischen von Claudia Max.
Originaltitel: The Reluctant Journal of Henry K. Larsen | Originalverlag: Tundra Books (11. September 2012)
Taschenbuch: 256 Seiten | ISBN-10: 3570310345 | ISBN-13: 978-3570310342 | Alter: ab 12 Jahren | Erschienen bei cbt Kinder- und Jugendbuchverlag, 08.02.2016

[cbt Kinder- und Jugendbuchverlag]

Keywords: Jugendbuch, Therapie, Außenseiter, Suizid, Amoklauf, Dicksein, Freundschaft, Wrestling, Tagebuch, Mobbing, Schule, Familiengeschichte

Inhalt: In der neuen Schule, in der fremden Stadt, bei den neuen Nachbarn heißt Henrys (13) Devise: bloß nicht auffallen. Denn wehe, es kommt raus, was sein Bruder getan hat. Weil Henry, seit ES passiert ist, nur noch Robotersprache spricht, hockt er viel beim Seelendoc. Seine Gefühle jedoch, und nicht nur die, frisst er weiter in sich hinein. Als er Alberta trifft, die zwar auch nicht normal, aber ziemlich toll ist, fragt er sich, ob da mehr daraus werden könnte. Und ob das bedeutet, dass es für ihn tatsächlich ein Leben DANACH gibt.

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Autorin: Susin Nielsen begann ihre Karriere als Köchin beim kanadischen Fernsehen. Ihr Essen kam nicht gut an, aber ihr Talent für Texte: 16 Folgen der Erfolgsserie »Degrassi Junior High« stammen aus ihrer Feder. Nielsens Jugendbücher erhielten von Anfang an begeisterte Rezensionen und zahlreiche Auszeichnungen; ihr letztes Buch gewann den renommierten Governor General’s Literary Award und wurde Kinderbuch des Jahres der Canadian Library Association. Die Autorin lebt mit ihrer Familie und zwei zerstörungswütigen Katzen in Vancouver.

Website | Leseprobe

Stephen Emond | Happyface

Aus dem Amerikanischen von Claudia Max.
ab 12 | erschienen Februar 2011, Loewe Verlag | 320 Seiten | ISBN 978-3-78855-7213-9

Keywords: Graphic Novel, Coming of Age, Entwicklungsroman, Jugendliteratur

Inhalt: Happyface | Synopsis

Sein Vater ist ein berühmter Schriftsteller, hat aber ein Problem mit Alkohol, Seine Mutter lebt am Rande des Nervenzusammenbruchs. Sein Bruder Everett ist das Alphatier und bereitet den Mädchen schlaflose Nächte. Er ist der Familienloser, hat keine Freunde und verbringt seine Zeit damit, alles um sich herum zu zeichnen und seinen Tagträumen nachzuhängen. In seinem Skizzenbuch hält er alles fest, was passiert. Und genau diese Zeichnungen findet die wunderschöne Chloe toll – allerdings nur, bis sie seinen Bruder kennenlernt. Chloe und Everett haben ein heimliches Verhältnis, von dem er nichts ahnt. Bis Everett bei einer nächtlichen Tour verunglückt. Chloe überlebt, aber er kann ihr ihren Verrat nicht verzeihen. Als wäre das noch nicht genug, trennen sich seine Eltern. Der Vater macht eine Entziehungskur, und er zieht mit seiner Mutter in eine kleine schäbige Wohnung in einem anderen Viertel. Er muss lernen, in der neuen Umgebung klar zu kommen.An seiner Schule versteckt er sich hinter einem Dauergrinsen – er wird Happyface. Plötzlich hat er Freunde und mischt auf jeder Party mit. Doch seine Vergangenheit holt ihn ein. Als seine neuen Freunde erfahren, dass er ihnen nur Lügen aufgetischt hat, wenden sie sich von ihm ab. Es dauert eine Weile, bis er lernt, über sich und seine Probleme zu reden, doch er merkt, dass ihn die anderen gerade dafür mögen – nicht für seine Show.

stephen-emondStephen Emond: Homepage | Amazon

Buchtrailer

 

Vorstellungsrunde | Seite 7-11 | pdf 212 kb

Vorstellungsrunde | Seite 7-11 | pdf 212 kb

Neues Zuhause | Seite 42-49 | pdf 232 kb

Neues Zuhause | Seite 42-49 | pdf 232 kb

Der fiese Mr Molly und das zweite Tagebuch | Seite 57-58 | pdf 152 kb

Der fiese Mr Molly und das zweite Tagebuch | Seite 57-58 | pdf 152 kb

Mom | Seite 71-73 | pdf 128 kb

Mom | Seite 71-73 | pdf 128 kb

Gretchens Party | Seite 75-83 | pdf 284 kb

Gretchens Party | Seite 75-83 | pdf 284 kb

Loser-Massaker am Valentinstag | Seite 240-246 | pdf 172 kb

Loser-Massaker am Valentinstag | Seite 240-246 | pdf 172 kb

Schluss mit lustig | Seite 266-269 | pdf 100 kb

Schluss mit lustig | Seite 266-269 | pdf 100 kb

The End | Seite 310-311 | pdf 108 kb

The End | Seite 310-311 | pdf 108 kb

© 2011, by Stephen Emond. | Deutsche Übersetzung: Claudia Max.

Onlinerezensionen:
barnesandnoble.com | www.readingrants.org | www.theresabook.com | www.teenreads.com | www.thebrainlair.com | www.indiebound.org

Robin Wasserman | Crashed

Aus dem Amerikanischen von Claudia Max.
ab 16 | erschienen September 2010, Script 5 | 376 Seiten | ISBN 978-3-8390-0114-1

Als Taschenbuchausgabe bei Ravensburger |480 Seiten | ISBN-13: 978-3473584604

Keywords: Science Fiction, Dystopie, Coming of Age, Bildungsroman, Gesellschaftsroman, Jugendliteratur

Inhalt: Sechs Monate sind vergangen, seit Lias Wirklichkeit auf den Kopf gestellt wurde. Sechs Monate voller Zweifel, Angst und Auflehnung gegen die Tatsache, dass ihr Körper tot ist und Lia Kahn nur in einer menschenähnlichen Maschine weiterexistieren wird.
Jetzt ist Lia bereit, ihr neues Dasein zu akzeptieren: Sie ist ein Mech und sie gehört zu ihresgleichen. Es ist eine wilde, sorglose Existenz, die sie führen, ohne Regeln, ohne Angst. Denn es gibt nichts zu fürchten, wenn man nichts mehr zu verlieren hat.
Doch dann wird Lia von ihrer Vergangenheit eingeholt. Sie muss eine Wahl treffen zwischen ihrem alten Leben und ihrer neuen Freiheit, zwischen den Menschen und den Mechs. Sie muss sich entscheiden zwischen dem Mädchen, das sie war, und dem Jungen, den sie einmal geliebt hat…

robin-wassermanRobin Wassermann: Homepage | Amazon

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Abheben

Lia Kahn ist tot.
Ich bin Lia Kahn.
Deshalb – denn das ist ja wohl ein logisches Problem, das sogar ein minderbemitteltes Kind lösen könnte – bin ich tot.
Da ist nur eine Sache: Ich bin es nicht.

»Keine Angst.«

Es war die Stimme meines Vaters.
Sie war es – und war es auch nicht. Sie klang komisch. Gedämpft und blechern und gleichzeitig irgendwie zu klar und zu deutlich.
Ich hatte keine Schmerzen.
Aber ich wusste – und zwar bevor ich überhaupt begriff, was mit mir los war –, ich wusste, dass ich Schmerzen hätte haben müssen.
Etwas riss meine Augen auf. Die Welt war ein Kaleidoskop, Formen und Farben wirbelten durcheinander, sinnlos, ohne Muster, bis meine Augen schließlich ohne Vorwarnung wieder zuklappten; dann war alles vorbei. Kein Schmerz, kein Gefühl, keine Ahnung, ob ich lag oder stand. Es war nicht so, dass ich meine Beine nicht bewegen konnte. Es war nicht mal so, dass ich meine Beine nicht spüren konnte. Mit geschlossenen Augen konnte ich nicht mal sagen, ob ich überhaupt Beine hatte.
Oder Arme.
Oder irgendetwas anderes.
Ich denke, also bin ich, dachte ich in einem Anflug von Hysterie. Am liebsten hätte ich gekichert, aber ich konnte meinen Mund nicht spüren.
Ich bekam Panik.
Gelähmt.
Ich konnte mich an ein Auto erinnern. Und an ein kreischendes Geräusch, das wie ein Schrei klang, andererseits auch wieder nicht. Nicht Mensch, nicht Tier.
Und Feuer. Etwas brannte. Der Geruch von etwas Brennendem. Daran erinnerte ich mich.
Ich wollte mich nicht daran erinnern.
Ich konnte mich nicht bewegen. Ich konnte nicht sprechen. Ich konnte meine Augen nicht öffnen.
Sie wissen nicht, dass ich hier drin wach bin. In Gedanken hörte ich den hämmernden Herzschlag, den ich nicht mehr spüren konnte, fühlte, wie sich imaginäre Lungen vor Entsetzen zusammenzogen, schmeckte das Salz unsichtbarer Tränen. Sie können es einfach nicht wissen.
Für meinen Vater, für meine Mutter, die sich in meiner Vorstellung vor dem Krankenzimmer aneinanderklammerten und weinten, unfähig, hereinzukommen; für die Ärzte, die mein Vater sicherlich aus der ganzen Welt hatte einfliegen lassen; für Zoie, die eigentlich im Auto hätte sitzen sollen, die es eigentlich hätte treffen sollen –
Für sie alle schien ich bewusstlos zu sein. Ahnungslos.
Ich konnte mir vorstellen, wie die Zeit verging und die Stimme des Arztes das Schluchzen meiner Mutter übertönte. Noch immer keine Reaktion. Noch immer keine Bewegung, kein Laut, keine Augenreflexe. Noch immer kein Lebenszeichen.
Meine Augen wurden wieder geöffnet, dieses Mal für längere Zeit. Die Farben flossen ineinander, lösten sich in verschwommene Formen auf, eine Unterwasserwelt. Am oberen Rand meines Blickfeldes entdeckte ich etwas Knolliges, Fleischiges, Finger, die meine Augenlider auseinanderzerrten. Über mir schwebte eine dunkle, unscharfe Gestalt, die mit der Stimme meines Vaters sprach.
»Ich weiß nicht, ob du mich schon hören kannst.« Seine Stimme klang ruhig, seine Worte unbeholfen. »Es wird alles gut, ich verspreche es dir. Versuche, geduldig zu sein.«
Mein Vater nahm seine Hand von meinem Gesicht, meine Lider klappten wieder herunter und sperrten mich hinter einer schwarzen Wand ein. Er blieb. Ich wusste es, denn ich konnte ihn atmen hören – nur mich selbst nicht.

Was letzte Tage angeht, meiner war beschissen.
Hätte ich mir einen letzten Tag aussuchen können – einen letzten Tag, wie ich ihn wirklich verdient hätte –, wäre auf jeden Fall mehr Schokolade im Spiel gewesen. Wesentlich mehr. Dunkle. Vollmilch. Weiße. Zartbitter. Mit Olivenstückchen. Karamellgefüllt. Trüffel. Ganache. Und Käse hätte es gegeben, weich, schmelzend, die Sorte, die im ganzen Zimmer stinkt, während sie dir die Kehle hinunterrinnt. Ich hätte den ganzen Tag im Bett gelegen und all das gegessen, was ich jetzt nicht mehr essen kann, hätte die Musik gehört, die mir mittlerweile egal geworden ist, hätte gefühlt. Die kratzige Baumwolle des Bettlakens. Das Kopfkissen, bei der ersten Berührung kühl, aber nach einer Weile warm an meine Wange geschmiegt. Den Mief aus der Lüftung, der mir den Pony in die Stirn gepustet hätte. Und Walker – hätte ich gewusst, was passieren würde, dann hätte ich ihn gefragt, ob er herüberkommt. Ich hätte gesagt: »Scheiß auf meine Eltern, vergiss meine Schwester, sei einfach hier, bei mir, heute.« Ich hätte die flaumigen Haare auf seinen Armen gefühlt und die kratzigen Bartstoppeln an seinem Kinn, denn er war zu faul, sich mehr als einmal pro Woche zu rasieren, da konnte ich sagen, was ich wollte. Ich hätte seine Fingerspitzen auf meiner Haut gespürt, ein Kitzeln, ein Streicheln, so leicht, dass es fast wehtat, weil es nur versprach und nichts davon einhalten wollte. Ich hätte Pfefferminz auf seinen Lippen geschmeckt und gewusst, dass er an diesem Morgen wieder einmal den Kaugummi der Zahncreme vorgezogen hatte; ich hätte ihn dazu gebracht, seine kurzen Nägel in meine Haut zu graben, nicht nur weil ich wollte, dass er mich festhielt, sondern weil ich im letzten schönen Moment meines Lebens auch noch ein letztes Mal Schmerz hätte fühlen wollen.

Das kann einfach nicht passiert sein.
Nicht mir.

Da lag ich nun. Ich versuchte geduldig zu sein, wie mich mein Vater gebeten hatte. Ich wartete darauf aufzuwachen.
Jaja, ich weiß schon: voll das Klischee. Das muss ein Traum sein. Du redest es dir immer wieder ein, vielleicht kneifst du dich sogar, obwohl du weißt, es ist nur ein billiger Trick, denn schon der Versuch beweist schließlich, dass es kein Traum ist. In einem Traum stellst du die Wirklichkeit nie infrage. In einem Traum verschwinden Menschen, Gebäude tauchen auf, Schauplätze ändern sich, du fliegst. Du fällst. Und alles erscheint völlig logisch. Nur im Wachzustand wehrt man sich gegen seltsame Dinge.
Ich wartete also darauf, aufzuwachen.
Der große Schock: Ich wachte nicht auf.
Phase eins: Leugnen. Erledigt.
Als mein Großvater starb, hörte ich zum ersten Mal von den fünf Phasen des Trauerns. Nicht dass ich sie wirklich durchlebt hätte. Nicht dass ich wirklich um einen Typ getrauert hätte, den ich nur zweimal getroffen hatte und den mein Vater ganz offensichtlich verabscheute und von dem meine Mutter, immerhin seine einzige Tochter, behauptete, sie könne sich kaum an ihn erinnern. Sie heulte trotzdem und mein Vater ertrug es, jedenfalls ein paar Tage lang. Wir ertrugen es alle. Er schenkte ihr Blumen. Ich verdrehte nicht einmal dann die Augen, wenn sie beim Abendessen ihr Glas zum dritten Mal mit diesem nervtötenden Ach-bin-ich-ungeschickt-Kichern umwarf. Zo stöberte im Network herum und entdeckte die fünf Phasen der Trauer.
Leugnen. Wut. Verhandeln. Depression. Akzeptanz.
Da ich also tot war – genau genommen toter als tot, nämlich lebendig in einem Körper begraben, der ebenso gut ein Sarg hätte sein können, auch wenn er mir die Freuden des Erstickens verweigerte –, kam ich zu dem Schluss, dass ich ein Recht darauf hatte, zu trauern.
Nein, nicht trauern. Das war das falsche Wort.
Wut.
Ich hasste jeden. Alles. Das Auto für den Unfall. Meinen Körper dafür, dass er verbrannte und kaputtging. Zo für die Tatsache, dass sie mich an ihrer Stelle geschickt hatte. Dass sie lebte, atmete, irgendwo Partys feierte, wo keine Dunkelheit herrschte, in einem funktionierenden Körper. Ich hasste Walker dafür, dass er mich vergessen würde, für die Mädchen, mit denen er ausgehen und die er vögeln würde, und das Mädchen, mit dem er eng umschlungen im Bett liegen würde, das er in seinen Armen halten würde, während er ihr flüsternd versprach, dass sie die Einzige für ihn sei. Ich hasste die Ärzte, die ein und aus gingen, meine Augen aufrissen, mich mit ihren Stableuchten blendeten, mir zuzwinkerten, mich anstarrten und auf ein Zeichen warteten, das ich ihnen nicht geben konnte, obwohl ich die ganze Zeit innerlich schrie: Ich bin wach Ich lebe Hört ihr mich Helft mir. Am Ende würden mich die Lider wieder in die Schwärze einsperren.
Mein Vater blieb bei mir. Er war der Einzige, der mit mir redete. Es war eine endlose, monotone Litanei: Hab Geduld, Lia. Versuche, aufzuwachen, Lia. Versuche dich zu bewegen, Lia. Alles wird gut, Lia. Streng dich an, Lia. Du schaffst es. Ich wollte ihm glauben, weil ich ihm immer geglaubt hatte. Ich wollte daran glauben, dass er alles in Ordnung bringen würde, so wie er immer alles in Ordnung gebracht hatte. Ich wollte ihm glauben, aber ich konnte es nicht, und dafür hasste ich ihn am meisten.
Danach kam die Phase des Verhandelns. Es gab zwar niemanden, den ich um etwas hätte bitten können, aber ich bettelte trotzdem. Zuerst bat ich darum, einfach aufzuwachen – meine Augen öffnen, mich aufsetzen und meine Beine aus dem Bett schwingen zu können. So wie es aussah, ging dieser Wunsch nicht in Erfüllung. Also versuchte ich es mit einem Kompromiss: Lass mich bloß die Augen öffnen, mach, dass ich sprechen und mich bewegen und etwas spüren kann. Lass das hier nicht für immer sein. Lass mich wieder gesund werden.
Später, als sich immer noch nichts geändert hatte, als es immer noch keinen Hoffnungsschimmer gab: Lass mich meine Augen öffnen. Lass mich sprechen. Verschone mich.
Das war, bevor der Schmerz kam.
Genau wie die Ärzte gab er sich keine Mühe, sich langsam an mich heranzupirschen. Er explodierte einfach, eine Supernova in der Schwärze. Ich lebte in diesem Schmerz, er war alles, was ich war, er war zeitlos, er war ewig – und dann war er plötzlich vorbei.
Das war der Anfang.
Ein unglaubliches Wohlbefinden, eine Wärme breitete sich aus, sie steigerte sich zu einem Feuer, das kaum zu ertragen war. Beißende Kälte. Glühende Hitze. Elend. Eine übersprudelnde Fröhlichkeit, die sich nach Lachen sehnte. Angst – nein, nacktes Grauen. Empfindungen tauchten aus dem Nichts auf und überfluteten mich, ebenso schnell verschwanden sie wieder, ohne Grund, ohne Muster, ohne Vorwarnung. Und schließlich – er verschwand nie für lange, bevor er mir den nächsten Besuch abstattete – der Schmerz.
Ich schlief niemals. Ich konnte fühlen, wie die Zeit verging, konnte von dem, was die Ärzte sich zuraunten, darauf schließen, dass die Tage verstrichen, aber ich verlor niemals das Bewusstsein. Wenn die Wellen kamen, verlor ich die Kontrolle, ich verlor den Verstand und verlor mich selbst in bodenlosen Empfindungen, doch sosehr ich es mir auch wünschte, sie rissen mich niemals mit sich fort. In den Momenten zwischen den Wellen, wenn die dunklen Wasser ruhig und ich ich selbst war, fing ich wieder an zu verhandeln.
Lass mich schlafen.
Lass mich sterben.

»Ich mach es – aber dann schuldest du mir etwas«, hatte ich zu Zo gesagt. Bevor es passierte.
Sie hatte mich ignoriert und ihr Haar zu einem lockeren Knoten gedreht und ihn im Nacken festgesteckt. Ihre Haare waren blond, wie meine, allerdings glänzten meine, sie waren dicht und wippten auf der Schulter, wenn ich lachte. Ihre hingegen wirkten struppig und kraftlos, und egal, was sie mit ihnen anstellte, sie sahen immer ungewaschen aus. Ich habe ihr immer gesagt, dass sie ebenso hübsch wäre wie ich, doch wir kannten beide die Wahrheit.
»Vergiss es. Du schuldest mir etwas«, sagte sie schließlich und zog ein ausgeblichenes braunes Sweatshirt an, in dem sie wie eine Kartoffel aussah. Ich sagte nichts dazu. Unsere Eltern hatten sich für Mädchen entschieden, für blondes Haar, blaue Augen; für einen niedrigen Body-Mass-Index und einen einigermaßen hohen Intelligenzquotienten hatten sie sogar zusätzlich bezahlt, aber Faulheit war nicht einfach ein Gen, das man hätte eliminieren können – kein noch so bedeutender Geldbetrag konnte eine Zo garantieren, die all die genetischen Vorzüge, die man ihr mit auf den Weg gegeben hatte, schätzen würde. »Du möchtest bestimmt nicht, dass ich Dad erzähle, wo du dieses Wochenende wirklich warst, oder? Er freut sich sicher, wenn er hört, dass du den Kopf nicht in die Schulbücher gesteckt hast, wie du behauptest, sondern zwischen Walkers –«
»Ich hab dir schon gesagt, dass ich es mache, Zoie.« Sie hasste den Namen. Ich riss ihr die Schlüsselkarte aus der Hand. »Dürfte ich vielleicht erfahren, wo du dich rumtreibst, während ich für dich Windeln wechsle und Rotz abwische?«
»Nein.«
Keine von uns musste arbeiten. In Anbetracht des Bonus auf dem Konto unserer Eltern würde keine von uns beiden jemals arbeiten müssen. Aber unser Vater war ein überzeugter Anhänger von Produktivität.
»Arbeit macht frei«, pflegte er zu zitieren, als wir Kinder waren. Meine Urururgroßeltern kamen aus Deutschland.
Ich war zwölf, als ich dies eines Tages einer Lehrerin gegenüber
wiederholte. Sie gab mir eine Ohrfeige. Dann erklärte sie mir, woher der Spruch kam. Die Nazis hatten ihn den KZ-Häftlingen gepredigt. Bevor sie dafür sorgten, dass sie sich zu Tode schufteten.
»Längst vergangene Geschichte«, antwortete mein Vater, als ich ihm die Hiobsbotschaft überbrachte. »Die Verjährungsfrist für Befindlichkeiten beträgt hundert Jahre.« Er sorgte dafür, dass die Lehrerin gefeuert wurde.
Weil ich Sportlerin war, musste ich keinen Job annehmen. Eine Siegerin, bemerkte mein Vater jedes Mal, wenn ich nach einem Wettlauf einen weiteren Pokal nach Hause brachte. Eine Arbeiterin. Er kam nie zu den Wettkämpfen, aber die Pokale für den ersten Platz standen in Reih und Glied auf einem Bücherregal in seinem Büro. Die zweiten Plätze blieben in meinem Zimmer. Alle anderen wanderten in den Müll.
Zo trieb keinen Sport. Soweit ich es beurteilen konnte, hing sie den ganzen Tag mit ihren Loserfreunden auf Parkplätzen ab und dröhnte sich mit Dozers zu. Sie nahmen irgendeine neue Sorte, die stinkende Rauchwolken aufsteigen ließ, wenn man sie lutschte; auf die Art konnte man sich wie ein Retro aus den guten alten Tagen vor dem Nikotinverbot fühlen. »Erklär mir, warum es cool ist, wie Oma auszusehen«, fragte ich sie einmal.
»Ich mache Dinge nicht, weil sie cool sind«, gab Zo patzig zurück. »Dafür bist du zuständig.«
Nur um das mal festzuhalten, ich tat nichts, nur weil es cool war.
Dinge waren cool, weil ich sie tat.
Ich rannte also jeden Tag zehn Meilen, während Zo ihre von Dad verordnete Schicht in der Kindertagesstätte schob, Rotznasen abwischte und vollgeschissene Windeln wechselte; die Tage, an denen sie mich rumkriegte, für sie zu arbeiten, natürlich ausgenommen.
»Schon gut«, besänftigte ich Zo. »Aber ich schwör dir, es ist das letzte Mal.«
Es war das letzte Mal.

Das Ziel war schon im Auto einprogrammiert. Unser Vater würde abends kontrollieren, ob es das vorgegebene Ziel angesteuert hatte, er konnte jedoch nicht herausfinden, welche von uns Schwestern gefahren war. Ich gab »KinderParadies« ein und warf mich auf die Rückbank. Walker konnte es kaum erwarten, achtzehn zu werden, damit er endlich manuell fahren durfte, was ich echt nicht verstehen konnte. Es war doch viel bequemer, sich auszustrecken, während sich der Sitz meinem Körper anpasste, ein Magazin zu hören, mich mit Walker zu verlinken und ihn an die Party abends zu erinnern, durchs Network zu zappen und mich zu vergewissern, dass keiner meiner Freunde Bilder von irgendetwas gepostet hatte, was ich auf keinen Fall hätte verpassen sollen (eigentlich war das unmöglich, denn es bestand allgemeine Übereinstimmung, dass alles, was ich verpasste, sowieso nicht zählte).
An diesem Tag aber unterbrach ich den Link. Keine Chats, keine Links, keine Vids, keine Musik, absolut nichts. Stille. Ich schloss die Augen.
Dieses Gefühl hatte ich sonst nur, wenn ich schon ein paar Meilen gerannt war und die erste Welle der Erschöpfung nachgelassen hatte, wenn die Welt zusammenschrumpfte auf das Laufgeräusch meiner Füße auf dem Asphalt und das Summen in meinen Ohren und die Luft, die durch meine Lungen pfiff – es war eigentlich kein Gefühl, sondern das Fehlen eines Gefühls, das Fehlen eines Ichs. So als existierte ich nicht mehr. Jedenfalls nicht als Lia Kahn; als sei ich nur noch eine verschwommene Masse aus Armen und Beinen, Röcheln, pulsierendem Blut, bis zum Reißen angespannten Muskeln, Wind. Nur Körper, keine Gedanken. Als ich an jenem Tag mit geschlossenen Augen dort lag, hätte sich dieses Gefühl eigentlich nicht einstellen sollen, aber aus irgendeinem Grund war es da. Aus irgendeinem Grund war ich – leer. Frei von Sorgen, frei von Gedanken. Versunken in der Schwärze hinter meinen Lidern.
Als ob ein Teil von mir geahnt hätte, was passieren würde.
Als ob es mich nicht überrascht hätte, als plötzlich alles durcheinanderflog und das kreischende Geräusch von Metall auf Metall die Stille zerriss, als die Welt um mich herumwirbelte, Erde über Himmel über Erde über Himmel, und als mich schließlich ein zerbeultes Dach mit einem gewaltigen Schlag und dem Knirschen von Glas und Stahl auf den völlig ausgebrannten Boden schmetterte.
Ich erzähle den Leuten, dass ich mich nicht erinnern kann, was danach geschah. Ich erzähle ihnen, dass ich mit dem Kopf aufschlug und danach alles schwarz wurde. Sie glauben mir. Sie wollen mir glauben.
Sie wollen nichts davon hören, wie ich dort eingeklemmt lag, wie sich Metallkrallen knirschend in meine Haut gruben; die Beine taub, abwesend, als endete das Universum an meiner Taille; die Arme aus den Gelenken gerissen, verdreht, weißglühend vor Schmerz. Sie wollen nicht hören, dass hinter all dem Blut mein eines Auge blind war, das andere jedoch alles deutlich erkennen konnte: schwarzen Rauch, einen Streifen Blau durch das zerborstene Fenster, sommersprossige Haut mit roten Spritzern, das weiße Schimmern von Knochen. Ein orangefarbenes Flimmern.
Sie wollen nicht hören, wie es sich anfühlte, als ich anfing zu brennen.
Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass mein Leben im Zeitraffer vor meinen Augen ablief, als ich an jenes Bett gefesselt war. Vielleicht hätte das die ganze Sache interessanter gemacht. Ich versuchte es zu erzwingen. Ich dachte, wenn ich mich an alles erinnern könnte, was bisher in meinem Leben passiert war, an jeden einzelnen Augenblick, dann würde es sich vielleicht anfühlen, als lebte ich wieder. Wenn ich Lia Kahns Glanzmomente noch einmal durchleben würde, könnte ich immerhin ein paar Stunden totschlagen, vielleicht sogar ein paar Tage. Aber es war sinnlos. Jedes Mal begann ich mit dem ersten Ereignis, an das ich mich erinnern konnte – nämlich wie mich das schmerzhafte Piken der Lanzette bei meinem ersten morgendlichen MedCheck dazu gebracht hatte, wie am Spieß zu brüllen, weil mein kindlicher Verstand fest davon überzeugt gewesen war, die winzige Silberspitze würde mein ganzes Blut aussaugen, wie mir meine Mutter dabei über das Haar strich, mich bat, mit dem Weinen aufzuhören, und mir einen Keks, einen Lutscher, einen Welpen versprach, Hauptsache, ich würde zu heulen aufhören, bevor mein Vater kam. Ich erinnerte mich daran, wie die Tränen über mein Gesicht rannen, und an den Abscheu, der meinem Vater ins Gesicht geschrieben stand. Ich dachte darüber nach, dass tägliche MedChecks und DNA-personalisierte Medikamente uns eigentlich Gesundheit, Sicherheit und ein nahezu ewiges Leben garantieren sollten, dass dieses »Nahezu« allerdings nicht ausreichte, wenn das Navigationssystem in deinem Auto den Geist aufgab und dich in einen Laster oder gegen einen Baum rammte, dich in die Luft schleuderte und anschließend Hackfleisch aus dir machte. Immer wieder erinnerte ich mich an die Hand meiner Mutter auf meiner Stirn und fragte mich, warum ich ihre Stimme nie in meinem Zimmer hörte.
Tage vergingen.
Ich machte Listen. Von Leuten, die ich kannte. Von Leuten, die ich nicht leiden konnte. Von Wörtern, die mit dem Buchstaben Q begannen. Ich versuchte, eine Liste aller ViMs aufzustellen, die ich je besessen hatte, angefangen bei meiner allerersten pinkfarbenen VirtualMachine mit den übergroßen Knöpfen und dem kindersicheren Bildschirm bis hin zu meinem momentanen Favoriten, der neonblauen NanoViM, die man an der Kleidung befestigen konnte oder am Handgelenk oder sogar am Hintern, falls man gerade in der Stimmung war, Vids abzuspielen, während man den Gang hinuntertänzelte. Nicht dass ich das ausprobiert hätte – nach diesem einen Mal. Aber etwa bei der Hälfte der Liste wurde es immer schwammig. Es waren zu viele ViMs gewesen, um sich an jede einzelne zu erinnern, denn wenn man wie ich genügend Bonus hatte, konnte man aus fast allem einen virtuellen Computer bauen, mit dem man sich ins Network einlinkte.
Ich sang mir selbst Lieder vor. Ich übte die Verse, die ich für den Englischunterricht hatte auswendig lernen müssen, denn nach Ansicht meines Lehrers, der null Ahnung hatte, »mag das Theater tot sein, Shakespeare jedoch ist unsterblich«.
Sterben – schlafen –
nichts weiter! – Und zu wissen, daß ein Schlaf
das Herzweh und die tausend Stöße endet,
die unsers Fleisches Erbteil – ’s ist ein Ziel,
aufs innigste zu wünschen
.
Was auch immer das bedeutete. Walker hatte mit Happy Tanzen, die die Julia spielte, eine Stelle aus Romeo und Julia vorgetragen und ich fragte mich, ob Happy wohl diejenige – oder, wenn man ihre D-Körbchen mitzählte, die drei – wäre, die meinen Platz einnehmen würde.
Ich hörte den Ärzten zu und hoffte, sie würden zufällig etwas aus ihrem Privatleben ausplaudern oder wenigstens irgendetwas anderes sagen als »Deltawellen abfallend«, »Anstieg Alphafrequenz«, »Rhythmus im Normalbereich« oder einen der anderen Ausdrücke, mit denen sie ständig um sich warfen. Ich versuchte meine Arme und Beine zu bewegen; ich versuchte sie zu spüren. Wenn sie meine Augen öffneten, merkte ich, dass ich auf dem Rücken lag. Das hieß, unter mir mussten ein Bett und irgendwelche Laken sein. Also versuchte ich mir vorzustellen, dass meine Finger auf der kratzigen Baumwolle lagen. Aber je mehr Zeit verging, umso weniger konnte ich mir vorstellen, dass ich überhaupt Finger hatte. Soweit ich es beurteilen konnte, hatte ich keine.
Ich gab jeden Versuch auf.
Ich hörte auf zu denken. Ich schwebte in einer grauen Wolke durch die Tage, wach und doch nicht wach, reglos, aber gleichgültig.
Als es schließlich passierte, geschah es ohne mein Zutun. Ich hatte es nicht versucht. Mir war nicht einmal klar, was ich da eigentlich tat. Es passierte einfach. Augen geschlossen, Augen geschlossen, Augen geschlossen –
Augen geöffnet.
Jemand schrie, vielleicht einer der Ärzte, vielleicht mein Vater, ich konnte es nicht unterscheiden, denn ich starrte an die graue Decke, aber ich hatte es getan, ich hatte irgendwie meine Augen selbstständig geöffnet und sie blieben geöffnet.
Noch etwas anderes bewegte sich. Ein Arm.
Mein Arm. Für einen Augenblick vergaß ich in dieser Welle grenzenloser Erleichterung alles andere: mein Arm. Unversehrt. Ich konnte ihn nicht fühlen, unternahm auch keinen Versuch, ihn zu bewegen, aber ich sah ihn. Sah, wie er durch mein Blickfeld nach oben schnellte und schließlich mit einem dumpfen Schlag hart aufs Bett zurückfiel. Dann der andere Arm. Hoch. Runter. Dumpfer Schlag. Und meine Beine … Es mussten meine Beine gewesen sein. Ich konnte sie nicht fühlen, ich konnte sie auch nicht sehen, aber ich hörte, wie sie auf die Matratze knallten, wie Trommelschläge, bumm, bumm, bumm. Mein Hals bog sich nach hinten und die Decke begann sich zu drehen, ich flog, und schließlich ein dumpfes Geräusch, laut, als poltere ein Körper auf den Boden. Klong, klong, klong, als mein Kopf auf die Fliesen knallte, immer und immer wieder aufprallte. Es verursachte viel Krach, aber es tat nicht weh. Und dann stürmten zwei Füße auf mich zu und ich wollte eigentlich nur wieder reglos im Dunkeln liegen, aber nun konnte ich meine Augen nicht mehr schließen. Zwei dickliche weiße, weiche Hände packten meinen Kopf und hielten ihn fest, und zum ersten Mal, seitdem ich aufgewacht war, kam alles zum Stillstand.
Schlafen. Vielleicht auch träumen.

© 2010, by Robin Wasserman. | Deutsche Übersetzung: Claudia Max.

Online- Publikation der übersetzten Textauszüge mit freundlicher Genehmigung des script 5.
Publication of translated excerpts by courtesy of the script 5.

Robin Wasserman | Skinned

Aus dem Amerikanischen von Claudia Max.
ab 16 | erschienen Januar 2010, Script 5 | 376 Seiten | ISBN 978-3-8390-0106-6

Als Taschenbuchausgabe bei Ravensburger | 384 Seiten | ISBN-13: 978-3473584499

Keywords: Science Fiction, Dystopie, Coming of Age, Bildungsroman, Gesellschaftsroman, Jugendliteratur

Inhalt: Lia Kahn ist reich, schön und beliebt – bis ein Unfall sie beinahe tötet. Im Krankenhaus wacht sie in einem perfekten künstlichen Körper auf. Lia wird nie wieder Schmerz empfinden, sie wird nicht altern und nicht sterben. Doch der Preis dafür ist hoch: Ihre Freunde misstrauen ihr, ihr Freund betrügt sie und alles, was ihr wichtig war, wandelt sich in einen Albtraum. Hin- und hergerissen zwischen dem Leben, das sie einmal kannte, und einer neuen, aufregenden Existenz, lernt Lia bald die bitterste Lektion: Niemand kann ihr die Entscheidung abnehmen, die sie treffen muss, um sich selbst zu schützen.

robin-wassermanRobin Wassermann: Homepage | Amazon | Wikipedia

[Textprobe PDF] | Buchtrailer

 

Der erste Tag
»Was letzte Tage angeht, meiner war beschissen.«

Lia Kahn ist tot.
Ich bin Lia Kahn.
Deshalb – denn das ist ja wohl ein logisches Problem, das sogar ein minderbemitteltes Kind lösen könnte – bin ich tot.
Da ist nur eine Sache: Ich bin es nicht.

»Keine Angst.«

Es war die Stimme meines Vaters.
Sie war es – und war es auch nicht. Sie klang komisch. Gedämpft und blechern und gleichzeitig irgendwie zu klar und zu deutlich.
Ich hatte keine Schmerzen.
Aber ich wusste – und zwar bevor ich überhaupt begriff, was mit mir los war –, ich wusste, dass ich Schmerzen hätte haben müssen.
Etwas riss meine Augen auf. Die Welt war ein Kaleidoskop, Formen und Farben wirbelten durcheinander, sinnlos, ohne Muster, bis meine Augen schließlich ohne Vorwarnung wieder zuklappten; dann war alles vorbei. Kein Schmerz, kein Gefühl, keine Ahnung, ob ich lag oder stand. Es war nicht so, dass ich meine Beine nicht bewegen konnte. Es war nicht mal so, dass ich meine Beine nicht spüren konnte. Mit geschlossenen Augen konnte ich nicht mal sagen, ob ich überhaupt Beine hatte.
Oder Arme.
Oder irgendetwas anderes.
Ich denke, also bin ich, dachte ich in einem Anflug von Hysterie. Am liebsten hätte ich gekichert, aber ich konnte meinen Mund nicht spüren.
Ich bekam Panik.
Gelähmt.
Ich konnte mich an ein Auto erinnern. Und an ein kreischendes Geräusch, das wie ein Schrei klang, andererseits auch wieder nicht. Nicht Mensch, nicht Tier.
Und Feuer. Etwas brannte. Der Geruch von etwas Brennendem. Daran erinnerte ich mich.
Ich wollte mich nicht daran erinnern.
Ich konnte mich nicht bewegen. Ich konnte nicht sprechen. Ich konnte meine Augen nicht öffnen.
Sie wissen nicht, dass ich hier drin wach bin. In Gedanken hörte ich den hämmernden Herzschlag, den ich nicht mehr spüren konnte, fühlte, wie sich imaginäre Lungen vor Entsetzen zusammenzogen, schmeckte das Salz unsichtbarer Tränen. Sie können es einfach nicht wissen.
Für meinen Vater, für meine Mutter, die sich in meiner Vorstellung vor dem Krankenzimmer aneinanderklammerten und weinten, unfähig, hereinzukommen; für die Ärzte, die mein Vater sicherlich aus der ganzen Welt hatte einfliegen lassen; für Zoie, die eigentlich im Auto hätte sitzen sollen, die es eigentlich hätte treffen sollen –
Für sie alle schien ich bewusstlos zu sein. Ahnungslos.
Ich konnte mir vorstellen, wie die Zeit verging und die Stimme des Arztes das Schluchzen meiner Mutter übertönte. Noch immer keine Reaktion. Noch immer keine Bewegung, kein Laut, keine Augenreflexe. Noch immer kein Lebenszeichen.
Meine Augen wurden wieder geöffnet, dieses Mal für längere Zeit. Die Farben flossen ineinander, lösten sich in verschwommene Formen auf, eine Unterwasserwelt. Am oberen Rand meines Blickfeldes entdeckte ich etwas Knolliges, Fleischiges, Finger, die meine Augenlider auseinanderzerrten. Über mir schwebte eine dunkle, unscharfe Gestalt, die mit der Stimme meines Vaters sprach.
»Ich weiß nicht, ob du mich schon hören kannst.« Seine Stimme klang ruhig, seine Worte unbeholfen. »Es wird alles gut, ich verspreche es dir. Versuche, geduldig zu sein.«
Mein Vater nahm seine Hand von meinem Gesicht, meine Lider klappten wieder herunter und sperrten mich hinter einer schwarzen Wand ein. Er blieb. Ich wusste es, denn ich konnte ihn atmen hören – nur mich selbst nicht.

Was letzte Tage angeht, meiner war beschissen.
Hätte ich mir einen letzten Tag aussuchen können – einen letzten Tag, wie ich ihn wirklich verdient hätte –, wäre auf jeden Fall mehr Schokolade im Spiel gewesen. Wesentlich mehr. Dunkle. Vollmilch. Weiße. Zartbitter. Mit Olivenstückchen. Karamellgefüllt. Trüffel. Ganache. Und Käse hätte es gegeben, weich, schmelzend, die Sorte, die im ganzen Zimmer stinkt, während sie dir die Kehle hinunterrinnt. Ich hätte den ganzen Tag im Bett gelegen und all das gegessen, was ich jetzt nicht mehr essen kann, hätte die Musik gehört, die mir mittlerweile egal geworden ist, hätte gefühlt. Die kratzige Baumwolle des Bettlakens. Das Kopfkissen, bei der ersten Berührung kühl, aber nach einer Weile warm an meine Wange geschmiegt. Den Mief aus der Lüftung, der mir den Pony in die Stirn gepustet hätte. Und Walker – hätte ich gewusst, was passieren würde, dann hätte ich ihn gefragt, ob er herüberkommt. Ich hätte gesagt: »Scheiß auf meine Eltern, vergiss meine Schwester, sei einfach hier, bei mir, heute.« Ich hätte die flaumigen Haare auf seinen Armen gefühlt und die kratzigen Bartstoppeln an seinem Kinn, denn er war zu faul, sich mehr als einmal pro Woche zu rasieren, da konnte ich sagen, was ich wollte. Ich hätte seine Fingerspitzen auf meiner Haut gespürt, ein Kitzeln, ein Streicheln, so leicht, dass es fast wehtat, weil es nur versprach und nichts davon einhalten wollte. Ich hätte Pfefferminz auf seinen Lippen geschmeckt und gewusst, dass er an diesem Morgen wieder einmal den Kaugummi der Zahncreme vorgezogen hatte; ich hätte ihn dazu gebracht, seine kurzen Nägel in meine Haut zu graben, nicht nur weil ich wollte, dass er mich festhielt, sondern weil ich im letzten schönen Moment meines Lebens auch noch ein letztes Mal Schmerz hätte fühlen wollen.

Das kann einfach nicht passiert sein.
Nicht mir.

Da lag ich nun. Ich versuchte geduldig zu sein, wie mich mein Vater gebeten hatte. Ich wartete darauf aufzuwachen.
Jaja, ich weiß schon: voll das Klischee. Das muss ein Traum sein. Du redest es dir immer wieder ein, vielleicht kneifst du dich sogar, obwohl du weißt, es ist nur ein billiger Trick, denn schon der Versuch beweist schließlich, dass es kein Traum ist. In einem Traum stellst du die Wirklichkeit nie infrage. In einem Traum verschwinden Menschen, Gebäude tauchen auf, Schauplätze ändern sich, du fliegst. Du fällst. Und alles erscheint völlig logisch. Nur im Wachzustand wehrt man sich gegen seltsame Dinge.
Ich wartete also darauf, aufzuwachen.
Der große Schock: Ich wachte nicht auf.
Phase eins: Leugnen. Erledigt.
Als mein Großvater starb, hörte ich zum ersten Mal von den fünf Phasen des Trauerns. Nicht dass ich sie wirklich durchlebt hätte. Nicht dass ich wirklich um einen Typ getrauert hätte, den ich nur zweimal getroffen hatte und den mein Vater ganz offensichtlich verabscheute und von dem meine Mutter, immerhin seine einzige Tochter, behauptete, sie könne sich kaum an ihn erinnern. Sie heulte trotzdem und mein Vater ertrug es, jedenfalls ein paar Tage lang. Wir ertrugen es alle. Er schenkte ihr Blumen. Ich verdrehte nicht einmal dann die Augen, wenn sie beim Abendessen ihr Glas zum dritten Mal mit diesem nervtötenden Ach-bin-ich-ungeschickt-Kichern umwarf. Zo stöberte im Network herum und entdeckte die fünf Phasen der Trauer.
Leugnen. Wut. Verhandeln. Depression. Akzeptanz.
Da ich also tot war – genau genommen toter als tot, nämlich lebendig in einem Körper begraben, der ebenso gut ein Sarg hätte sein können, auch wenn er mir die Freuden des Erstickens verweigerte –, kam ich zu dem Schluss, dass ich ein Recht darauf hatte, zu trauern.
Nein, nicht trauern. Das war das falsche Wort.
Wut.
Ich hasste jeden. Alles. Das Auto für den Unfall. Meinen Körper dafür, dass er verbrannte und kaputtging. Zo für die Tatsache, dass sie mich an ihrer Stelle geschickt hatte. Dass sie lebte, atmete, irgendwo Partys feierte, wo keine Dunkelheit herrschte, in einem funktionierenden Körper. Ich hasste Walker dafür, dass er mich vergessen würde, für die Mädchen, mit denen er ausgehen und die er vögeln würde, und das Mädchen, mit dem er eng umschlungen im Bett liegen würde, das er in seinen Armen halten würde, während er ihr flüsternd versprach, dass sie die Einzige für ihn sei. Ich hasste die Ärzte, die ein und aus gingen, meine Augen aufrissen, mich mit ihren Stableuchten blendeten, mir zuzwinkerten, mich anstarrten und auf ein Zeichen warteten, das ich ihnen nicht geben konnte, obwohl ich die ganze Zeit innerlich schrie: Ich bin wach Ich lebe Hört ihr mich Helft mir. Am Ende würden mich die Lider wieder in die Schwärze einsperren.
Mein Vater blieb bei mir. Er war der Einzige, der mit mir redete. Es war eine endlose, monotone Litanei: Hab Geduld, Lia. Versuche, aufzuwachen, Lia. Versuche dich zu bewegen, Lia. Alles wird gut, Lia. Streng dich an, Lia. Du schaffst es. Ich wollte ihm glauben, weil ich ihm immer geglaubt hatte. Ich wollte daran glauben, dass er alles in Ordnung bringen würde, so wie er immer alles in Ordnung gebracht hatte. Ich wollte ihm glauben, aber ich konnte es nicht, und dafür hasste ich ihn am meisten.
Danach kam die Phase des Verhandelns. Es gab zwar niemanden, den ich um etwas hätte bitten können, aber ich bettelte trotzdem. Zuerst bat ich darum, einfach aufzuwachen – meine Augen öffnen, mich aufsetzen und meine Beine aus dem Bett schwingen zu können. So wie es aussah, ging dieser Wunsch nicht in Erfüllung. Also versuchte ich es mit einem Kompromiss: Lass mich bloß die Augen öffnen, mach, dass ich sprechen und mich bewegen und etwas spüren kann. Lass das hier nicht für immer sein. Lass mich wieder gesund werden.
Später, als sich immer noch nichts geändert hatte, als es immer noch keinen Hoffnungsschimmer gab: Lass mich meine Augen öffnen. Lass mich sprechen. Verschone mich.
Das war, bevor der Schmerz kam.
Genau wie die Ärzte gab er sich keine Mühe, sich langsam an mich heranzupirschen. Er explodierte einfach, eine Supernova in der Schwärze. Ich lebte in diesem Schmerz, er war alles, was ich war, er war zeitlos, er war ewig – und dann war er plötzlich vorbei.
Das war der Anfang.
Ein unglaubliches Wohlbefinden, eine Wärme breitete sich aus, sie steigerte sich zu einem Feuer, das kaum zu ertragen war. Beißende Kälte. Glühende Hitze. Elend. Eine übersprudelnde Fröhlichkeit, die sich nach Lachen sehnte. Angst – nein, nacktes Grauen. Empfindungen tauchten aus dem Nichts auf und überfluteten mich, ebenso schnell verschwanden sie wieder, ohne Grund, ohne Muster, ohne Vorwarnung. Und schließlich – er verschwand nie für lange, bevor er mir den nächsten Besuch abstattete – der Schmerz.
Ich schlief niemals. Ich konnte fühlen, wie die Zeit verging, konnte von dem, was die Ärzte sich zuraunten, darauf schließen, dass die Tage verstrichen, aber ich verlor niemals das Bewusstsein. Wenn die Wellen kamen, verlor ich die Kontrolle, ich verlor den Verstand und verlor mich selbst in bodenlosen Empfindungen, doch sosehr ich es mir auch wünschte, sie rissen mich niemals mit sich fort. In den Momenten zwischen den Wellen, wenn die dunklen Wasser ruhig und ich ich selbst war, fing ich wieder an zu verhandeln.
Lass mich schlafen.
Lass mich sterben.

»Ich mach es – aber dann schuldest du mir etwas«, hatte ich zu Zo gesagt. Bevor es passierte.
Sie hatte mich ignoriert und ihr Haar zu einem lockeren Knoten gedreht und ihn im Nacken festgesteckt. Ihre Haare waren blond, wie meine, allerdings glänzten meine, sie waren dicht und wippten auf der Schulter, wenn ich lachte. Ihre hingegen wirkten struppig und kraftlos, und egal, was sie mit ihnen anstellte, sie sahen immer ungewaschen aus. Ich habe ihr immer gesagt, dass sie ebenso hübsch wäre wie ich, doch wir kannten beide die Wahrheit.
»Vergiss es. Du schuldest mir etwas«, sagte sie schließlich und zog ein ausgeblichenes braunes Sweatshirt an, in dem sie wie eine Kartoffel aussah. Ich sagte nichts dazu. Unsere Eltern hatten sich für Mädchen entschieden, für blondes Haar, blaue Augen; für einen niedrigen Body-Mass-Index und einen einigermaßen hohen Intelligenzquotienten hatten sie sogar zusätzlich bezahlt, aber Faulheit war nicht einfach ein Gen, das man hätte eliminieren können – kein noch so bedeutender Geldbetrag konnte eine Zo garantieren, die all die genetischen Vorzüge, die man ihr mit auf den Weg gegeben hatte, schätzen würde. »Du möchtest bestimmt nicht, dass ich Dad erzähle, wo du dieses Wochenende wirklich warst, oder? Er freut sich sicher, wenn er hört, dass du den Kopf nicht in die Schulbücher gesteckt hast, wie du behauptest, sondern zwischen Walkers –«
»Ich hab dir schon gesagt, dass ich es mache, Zoie.« Sie hasste den Namen. Ich riss ihr die Schlüsselkarte aus der Hand. »Dürfte ich vielleicht erfahren, wo du dich rumtreibst, während ich für dich Windeln wechsle und Rotz abwische?«
»Nein.«
Keine von uns musste arbeiten. In Anbetracht des Bonus auf dem Konto unserer Eltern würde keine von uns beiden jemals arbeiten müssen. Aber unser Vater war ein überzeugter Anhänger von Produktivität.
»Arbeit macht frei«, pflegte er zu zitieren, als wir Kinder waren. Meine Urururgroßeltern kamen aus Deutschland.
Ich war zwölf, als ich dies eines Tages einer Lehrerin gegenüber
wiederholte. Sie gab mir eine Ohrfeige. Dann erklärte sie mir, woher der Spruch kam. Die Nazis hatten ihn den KZ-Häftlingen gepredigt. Bevor sie dafür sorgten, dass sie sich zu Tode schufteten.
»Längst vergangene Geschichte«, antwortete mein Vater, als ich ihm die Hiobsbotschaft überbrachte. »Die Verjährungsfrist für Befindlichkeiten beträgt hundert Jahre.« Er sorgte dafür, dass die Lehrerin gefeuert wurde.
Weil ich Sportlerin war, musste ich keinen Job annehmen. Eine Siegerin, bemerkte mein Vater jedes Mal, wenn ich nach einem Wettlauf einen weiteren Pokal nach Hause brachte. Eine Arbeiterin. Er kam nie zu den Wettkämpfen, aber die Pokale für den ersten Platz standen in Reih und Glied auf einem Bücherregal in seinem Büro. Die zweiten Plätze blieben in meinem Zimmer. Alle anderen wanderten in den Müll.
Zo trieb keinen Sport. Soweit ich es beurteilen konnte, hing sie den ganzen Tag mit ihren Loserfreunden auf Parkplätzen ab und dröhnte sich mit Dozers zu. Sie nahmen irgendeine neue Sorte, die stinkende Rauchwolken aufsteigen ließ, wenn man sie lutschte; auf die Art konnte man sich wie ein Retro aus den guten alten Tagen vor dem Nikotinverbot fühlen. »Erklär mir, warum es cool ist, wie Oma auszusehen«, fragte ich sie einmal.
»Ich mache Dinge nicht, weil sie cool sind«, gab Zo patzig zurück. »Dafür bist du zuständig.«
Nur um das mal festzuhalten, ich tat nichts, nur weil es cool war.
Dinge waren cool, weil ich sie tat.
Ich rannte also jeden Tag zehn Meilen, während Zo ihre von Dad verordnete Schicht in der Kindertagesstätte schob, Rotznasen abwischte und vollgeschissene Windeln wechselte; die Tage, an denen sie mich rumkriegte, für sie zu arbeiten, natürlich ausgenommen.
»Schon gut«, besänftigte ich Zo. »Aber ich schwör dir, es ist das letzte Mal.«
Es war das letzte Mal.

Das Ziel war schon im Auto einprogrammiert. Unser Vater würde abends kontrollieren, ob es das vorgegebene Ziel angesteuert hatte, er konnte jedoch nicht herausfinden, welche von uns Schwestern gefahren war. Ich gab »KinderParadies« ein und warf mich auf die Rückbank. Walker konnte es kaum erwarten, achtzehn zu werden, damit er endlich manuell fahren durfte, was ich echt nicht verstehen konnte. Es war doch viel bequemer, sich auszustrecken, während sich der Sitz meinem Körper anpasste, ein Magazin zu hören, mich mit Walker zu verlinken und ihn an die Party abends zu erinnern, durchs Network zu zappen und mich zu vergewissern, dass keiner meiner Freunde Bilder von irgendetwas gepostet hatte, was ich auf keinen Fall hätte verpassen sollen (eigentlich war das unmöglich, denn es bestand allgemeine Übereinstimmung, dass alles, was ich verpasste, sowieso nicht zählte).
An diesem Tag aber unterbrach ich den Link. Keine Chats, keine Links, keine Vids, keine Musik, absolut nichts. Stille. Ich schloss die Augen.
Dieses Gefühl hatte ich sonst nur, wenn ich schon ein paar Meilen gerannt war und die erste Welle der Erschöpfung nachgelassen hatte, wenn die Welt zusammenschrumpfte auf das Laufgeräusch meiner Füße auf dem Asphalt und das Summen in meinen Ohren und die Luft, die durch meine Lungen pfiff – es war eigentlich kein Gefühl, sondern das Fehlen eines Gefühls, das Fehlen eines Ichs. So als existierte ich nicht mehr. Jedenfalls nicht als Lia Kahn; als sei ich nur noch eine verschwommene Masse aus Armen und Beinen, Röcheln, pulsierendem Blut, bis zum Reißen angespannten Muskeln, Wind. Nur Körper, keine Gedanken. Als ich an jenem Tag mit geschlossenen Augen dort lag, hätte sich dieses Gefühl eigentlich nicht einstellen sollen, aber aus irgendeinem Grund war es da. Aus irgendeinem Grund war ich – leer. Frei von Sorgen, frei von Gedanken. Versunken in der Schwärze hinter meinen Lidern.
Als ob ein Teil von mir geahnt hätte, was passieren würde.
Als ob es mich nicht überrascht hätte, als plötzlich alles durcheinanderflog und das kreischende Geräusch von Metall auf Metall die Stille zerriss, als die Welt um mich herumwirbelte, Erde über Himmel über Erde über Himmel, und als mich schließlich ein zerbeultes Dach mit einem gewaltigen Schlag und dem Knirschen von Glas und Stahl auf den völlig ausgebrannten Boden schmetterte.
Ich erzähle den Leuten, dass ich mich nicht erinnern kann, was danach geschah. Ich erzähle ihnen, dass ich mit dem Kopf aufschlug und danach alles schwarz wurde. Sie glauben mir. Sie wollen mir glauben.
Sie wollen nichts davon hören, wie ich dort eingeklemmt lag, wie sich Metallkrallen knirschend in meine Haut gruben; die Beine taub, abwesend, als endete das Universum an meiner Taille; die Arme aus den Gelenken gerissen, verdreht, weißglühend vor Schmerz. Sie wollen nicht hören, dass hinter all dem Blut mein eines Auge blind war, das andere jedoch alles deutlich erkennen konnte: schwarzen Rauch, einen Streifen Blau durch das zerborstene Fenster, sommersprossige Haut mit roten Spritzern, das weiße Schimmern von Knochen. Ein orangefarbenes Flimmern.
Sie wollen nicht hören, wie es sich anfühlte, als ich anfing zu brennen.
Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass mein Leben im Zeitraffer vor meinen Augen ablief, als ich an jenes Bett gefesselt war. Vielleicht hätte das die ganze Sache interessanter gemacht. Ich versuchte es zu erzwingen. Ich dachte, wenn ich mich an alles erinnern könnte, was bisher in meinem Leben passiert war, an jeden einzelnen Augenblick, dann würde es sich vielleicht anfühlen, als lebte ich wieder. Wenn ich Lia Kahns Glanzmomente noch einmal durchleben würde, könnte ich immerhin ein paar Stunden totschlagen, vielleicht sogar ein paar Tage. Aber es war sinnlos. Jedes Mal begann ich mit dem ersten Ereignis, an das ich mich erinnern konnte – nämlich wie mich das schmerzhafte Piken der Lanzette bei meinem ersten morgendlichen MedCheck dazu gebracht hatte, wie am Spieß zu brüllen, weil mein kindlicher Verstand fest davon überzeugt gewesen war, die winzige Silberspitze würde mein ganzes Blut aussaugen, wie mir meine Mutter dabei über das Haar strich, mich bat, mit dem Weinen aufzuhören, und mir einen Keks, einen Lutscher, einen Welpen versprach, Hauptsache, ich würde zu heulen aufhören, bevor mein Vater kam. Ich erinnerte mich daran, wie die Tränen über mein Gesicht rannen, und an den Abscheu, der meinem Vater ins Gesicht geschrieben stand. Ich dachte darüber nach, dass tägliche MedChecks und DNA-personalisierte Medikamente uns eigentlich Gesundheit, Sicherheit und ein nahezu ewiges Leben garantieren sollten, dass dieses »Nahezu« allerdings nicht ausreichte, wenn das Navigationssystem in deinem Auto den Geist aufgab und dich in einen Laster oder gegen einen Baum rammte, dich in die Luft schleuderte und anschließend Hackfleisch aus dir machte. Immer wieder erinnerte ich mich an die Hand meiner Mutter auf meiner Stirn und fragte mich, warum ich ihre Stimme nie in meinem Zimmer hörte.
Tage vergingen.
Ich machte Listen. Von Leuten, die ich kannte. Von Leuten, die ich nicht leiden konnte. Von Wörtern, die mit dem Buchstaben Q begannen. Ich versuchte, eine Liste aller ViMs aufzustellen, die ich je besessen hatte, angefangen bei meiner allerersten pinkfarbenen VirtualMachine mit den übergroßen Knöpfen und dem kindersicheren Bildschirm bis hin zu meinem momentanen Favoriten, der neonblauen NanoViM, die man an der Kleidung befestigen konnte oder am Handgelenk oder sogar am Hintern, falls man gerade in der Stimmung war, Vids abzuspielen, während man den Gang hinuntertänzelte. Nicht dass ich das ausprobiert hätte – nach diesem einen Mal. Aber etwa bei der Hälfte der Liste wurde es immer schwammig. Es waren zu viele ViMs gewesen, um sich an jede einzelne zu erinnern, denn wenn man wie ich genügend Bonus hatte, konnte man aus fast allem einen virtuellen Computer bauen, mit dem man sich ins Network einlinkte.
Ich sang mir selbst Lieder vor. Ich übte die Verse, die ich für den Englischunterricht hatte auswendig lernen müssen, denn nach Ansicht meines Lehrers, der null Ahnung hatte, »mag das Theater tot sein, Shakespeare jedoch ist unsterblich«.
Sterben – schlafen –
nichts weiter! – Und zu wissen, daß ein Schlaf
das Herzweh und die tausend Stöße endet,
die unsers Fleisches Erbteil – ’s ist ein Ziel,
aufs innigste zu wünschen
.
Was auch immer das bedeutete. Walker hatte mit Happy Tanzen, die die Julia spielte, eine Stelle aus Romeo und Julia vorgetragen und ich fragte mich, ob Happy wohl diejenige – oder, wenn man ihre D-Körbchen mitzählte, die drei – wäre, die meinen Platz einnehmen würde.
Ich hörte den Ärzten zu und hoffte, sie würden zufällig etwas aus ihrem Privatleben ausplaudern oder wenigstens irgendetwas anderes sagen als »Deltawellen abfallend«, »Anstieg Alphafrequenz«, »Rhythmus im Normalbereich« oder einen der anderen Ausdrücke, mit denen sie ständig um sich warfen. Ich versuchte meine Arme und Beine zu bewegen; ich versuchte sie zu spüren. Wenn sie meine Augen öffneten, merkte ich, dass ich auf dem Rücken lag. Das hieß, unter mir mussten ein Bett und irgendwelche Laken sein. Also versuchte ich mir vorzustellen, dass meine Finger auf der kratzigen Baumwolle lagen. Aber je mehr Zeit verging, umso weniger konnte ich mir vorstellen, dass ich überhaupt Finger hatte. Soweit ich es beurteilen konnte, hatte ich keine.
Ich gab jeden Versuch auf.
Ich hörte auf zu denken. Ich schwebte in einer grauen Wolke durch die Tage, wach und doch nicht wach, reglos, aber gleichgültig.
Als es schließlich passierte, geschah es ohne mein Zutun. Ich hatte es nicht versucht. Mir war nicht einmal klar, was ich da eigentlich tat. Es passierte einfach. Augen geschlossen, Augen geschlossen, Augen geschlossen –
Augen geöffnet.
Jemand schrie, vielleicht einer der Ärzte, vielleicht mein Vater, ich konnte es nicht unterscheiden, denn ich starrte an die graue Decke, aber ich hatte es getan, ich hatte irgendwie meine Augen selbstständig geöffnet und sie blieben geöffnet.
Noch etwas anderes bewegte sich. Ein Arm.
Mein Arm. Für einen Augenblick vergaß ich in dieser Welle grenzenloser Erleichterung alles andere: mein Arm. Unversehrt. Ich konnte ihn nicht fühlen, unternahm auch keinen Versuch, ihn zu bewegen, aber ich sah ihn. Sah, wie er durch mein Blickfeld nach oben schnellte und schließlich mit einem dumpfen Schlag hart aufs Bett zurückfiel. Dann der andere Arm. Hoch. Runter. Dumpfer Schlag. Und meine Beine … Es mussten meine Beine gewesen sein. Ich konnte sie nicht fühlen, ich konnte sie auch nicht sehen, aber ich hörte, wie sie auf die Matratze knallten, wie Trommelschläge, bumm, bumm, bumm. Mein Hals bog sich nach hinten und die Decke begann sich zu drehen, ich flog, und schließlich ein dumpfes Geräusch, laut, als poltere ein Körper auf den Boden. Klong, klong, klong, als mein Kopf auf die Fliesen knallte, immer und immer wieder aufprallte. Es verursachte viel Krach, aber es tat nicht weh. Und dann stürmten zwei Füße auf mich zu und ich wollte eigentlich nur wieder reglos im Dunkeln liegen, aber nun konnte ich meine Augen nicht mehr schließen. Zwei dickliche weiße, weiche Hände packten meinen Kopf und hielten ihn fest, und zum ersten Mal, seitdem ich aufgewacht war, kam alles zum Stillstand.
Schlafen. Vielleicht auch träumen.

© 2010, by Robin Wasserman. | Deutsche Übersetzung: Claudia Max.

Online- Publikation der übersetzten Textauszüge mit freundlicher Genehmigung des script 5.
Publication of translated excerpts by courtesy of the script 5.