Lidia Yuknavitch – Das Lied der Kämpferin

Lidia Yuknavitch – Das Lied der Kämpferin

Aus dem Englischen von Claudia Max

Originaltitel: The Book of Joan | Harper Perennial | 13.02.2018 | 288 Seiten

Paperback Klappenbroschur | btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH | 352 Seiten | ISBN: 978-3-442-71739-2 | 08.03.2021

Keywords: Belletristik | Dystopie | Feminismus | Ökologie | Populismus

Inhalt:
In einer nicht allzu fernen Zukunft ist die Erde ein düsterer Ort, heimgesucht von mörderischen Kriegen, zerstört von den Menschen selbst und gewaltigen Naturkatastrophen. Einigen wenigen ist es gelungen, sich auf eine Raumstation zu retten, um von hier aus die letzten Reserven der Erde zu Plündern. Herrscher dieser neuen, trostlosen Welt ist ein ebenso tyrannischer wie blutrünstiger Sektenführer. Doch eine Gruppe junger Rebellen lehnt sich auf gegen das eiserne Regime, angespornt von der charismatischen Mädchen-Kriegerin Joan, die über ganz eigene Kräfte verfügt und deren Geschichte das Schicksal zukünftiger Generationen bestimmen wird.

Lidia YuknavitchAutorin: Lidia Yuknavitch zählt zu den herausragenden neuen weiblichen Stimmen der amerikanischen Literatur. Sie ist preisgekrönte Autorin mehrerer Romane, Kurzgeschichten und des gefeierten Memoirs »The Chronology of Water«. Zu ihren Fans zählen u.a. Rebecca Solnit und Roxane Gay. Ihr TED-Talk »The Beauty of Beeing a Misfit« wurde mehr als 2 Millionen Mal angeschaut. Lidia Yuknavitch lehrt an der University of Oregon Kreatives Schreiben, Literaturwissenschaft und Womens Studies.

Website | lidiayuknavitch.net | Instagram @btb_verlag | Instagram @lidiamiles | Leseprobe

Anna Carey | Eve & Caleb, Band 2: In der gelobten Stadt

Übersetzt aus dem Amerikanischen von Claudia Max.
ab 14 Jahre | erschienen August 2013 | Loewe Verlag | 320 Seiten | ISBN 978-3-7855-7104-0
| Taschenbuch

Keywords: Dystopie, Liebe, Abenteuer, Freundschaft

Inhalt: Eve gerät in die Fänge der Soldaten des Neuen Amerika und wird aus dem sicheren Califia in die Stadt aus Sand verschleppt. Hier erfährt sie, dass ihr Freund Caleb noch lebt, und weshalb der König so unerbittlich nach ihr suchen ließ.
Gefangen im Palast ist es lebensgefährlich, mit Caleb und den Rebellen Kontakt aufzunehmen. Doch Eve wünscht sich nichts sehnlicher, als wieder mit Caleb vereint zu sein. Bald wird sich zeigen, ob sie bereit ist, dafür alles zu riskieren.

"In der gelobten Stadt" ist der zweite Band der Eve & Caleb-Trilogie.

anna-careyAnna Carey: Homepage | Loewe Verlag

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Anna Carey | Eve & Caleb –Band 1: Wo Licht war

Übersetzt aus dem Amerikanischen von Claudia Max.
ab 14 Jahre | erscheint Januar 2013 | Loewe Verlag | 304 Seiten | ISBN: 978-3-7855-7103-3 | Taschenbuch

Keywords: Dystopie, Liebe, Abenteuer, Freundschaft

Inhalt: Seit ihre Mutter während der Pestepidemie vor 16 Jahren gestorben ist, lebt Eve in einer Schule des Neuen Amerika. Hier wird sie zu einem wertvollen Mitglied der neuen Gesellschaft ausgebildet – glaubt sie zumindest. Als Eve erkennt, wofür sie und die anderen Mädchen missbraucht werden sollen, flieht sie. Doch auf ein Überleben in der Wildnis und auf die Flucht vor den Soldaten des Regimes ist Eve nicht vorbereitet. Unerwartet hilft ihr Caleb, ein junger Rebell, der aus einem der Arbeitslager des Regimes geflohen ist. Kann Eve ihm trauen? Sie weiß, die Soldaten werden die Suche nach ihr nicht aufgeben, und Caleb ist ihre einzige Möglichkeit zu überleben. Sie muss ihr Leben in die Hände eines Fremden legen.

anna-careyAnna Carey: Homepage | Loewe Verlag

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Robin Wasserman | Wired

Aus dem Amerikanischen von Claudia Max.
ab 16 | erschienen September 2011, Script 5 | 380 Seiten | ISBN 978-3-8390-0115-8

Als Taschenbuchausgabe bei Ravensburger | 384 Seiten | ISBN-13: 978-3473584703

Keywords: Science Fiction, Dystopie, Coming of Age, Bildungsroman, Gesellschaftsroman, Jugendliteratur

Inhalt: Nach dem gewaltsamen Zusammenstoß mit der Bruderschaft in Crashed tritt Lia nun als Botschafterin von BioMax auf, um für Toleranz und Verständnis für die Mechs zu werben. Viele Mechs stehen ihrem Engagement kritisch gegenüber. Ein grausamer Zwischenfall – bei dem Rileys Identität unwiderruflich ausgelöscht wird - macht Lia schließlich klar, dass BioMax doppeltes Spiel mit ihr spielt. Wenig später finden die Mechs heraus, dass BioMax ihre virtuellen Identitäten benutzt hat, um Kriegsmaschinerie mit künstlicher Intelligenz zu produzieren. Da ihnen die Mechs zunehmend lästiger werden, plant der Konzern den letzten Schlag: die komplette Vernichtung aller virtuellen Mech-Identitäten. Unter dem Vorwand helfen zu wollen, treibt BioMax die Mechs in konzentrationslagerähnliche Einrichtungen, um am Tag X sämtliche Daten zu löschen und die Mechkörper zu entsorgen. Jude und Lia unternehmen einen verzweifelten Rettungsversuch. Beim großen Showdown in einer der gigantischen Serverfarmen muss sich Lia jedoch der Wahrheit stellen: Sie kann die Mechs gegen den übermächtigen Konzern nicht retten. Aber: Sie kann zum virtuellen Weltgewissen werden…

robin-wassermanRobin Wassermann: Homepage | Amazon

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Schluss mit Geheimnissen
»Sei einfach unwiderstehlich.«

Das ist alles nicht echt.
»Das ist alles echt«, sagte ich, weil die Stimme in meinem Kopf mir das so befahl. Weil Maschinen Befehle befolgen und ich eine Maschine bin.
Das bin nicht ich.
»Das bin ich«, sagte ich. Weil man mir das Lügen einprogrammiert hatte.
Man sieht alles, nur das Entscheidende nicht.
»Was drauf steht, ist auch drin«, sagte ich lächelnd.
Was man sieht: perfekte Lippen, zu einem perfekten Lächeln verzogen. Perfekte Haut, die sich straff über einen perfekten Körper spannt.
Was man sieht: Hände, die zugreifen, Beine, die sich beugen, Augen mit verständnisvollem Blick.
Man sieht eine Maschine, die die Rolle spielt, für die man sie gebaut hat. Man sieht eine lebende Tote. Man sieht einen Freak, einen Tabubruch, eine Sünde, eine Heldin. Man sieht eine Mech; man sieht einen Skinner. Man sieht, was man sehen will.
Nur mich sieht man nicht.
»Es macht dir also nichts aus, dass Tausende von Menschen dich auf Schritt und Tritt beobachten?«, fragte die Interviewerin. Sie schwitzte unter dem Licht der Scheinwerfer – ich nicht. Maschinen schwitzen nicht und frieren nicht; wir stehen Dinge durch. Diese Moderatorin stand im Ruf, ihre Interviewpartner reihenweise zum Heulen zu bringen, aber in meinem Fall hätte sie vermutlich eher einem Toaster Tränen entlockt. Sie musste also mit etwas anderem aufwarten. Musste besonders viel Gefühl zeigen, um meinen Mangel an selbigem auszugleichen. Brauchte feucht schimmernde Augen, im passenden Moment rosige Wangen, um Wut oder Leidenschaft anzudeuten, und ein wirkungsvolles Schaudern, wenn wir über die wirklich blutigen Details sprachen: was nach dem Unfall kam, das Hochladen matschiger Hirnmasse in sterile Hardware, das Sterben und Wiedererwachen. Ich muss zugeben, dass sie eine bessere Show abzog als ich. Andererseits lässt sich Menschlichkeit natürlich
leichter spielen, wenn man tatsächlich ein Mensch ist.
»Hast du nicht das Gefühl, dass du für uns eine Show abziehen musst? Willst du nicht auch etwas für dich behalten, etwas, das nur dir gehört?«
Künstliche neuronale Synapsen feuerten; elektrische Impulse sausten durch künstliche Kanäle und verpassten künstlichen Nervenzellen einen elektrischen Schock. Meine perfekten Schultern zuckten. Meine perfekte Stirn verzog sich zu einem Stirnrunzeln, das einer menschlichen Gefühlsäußerung ziemlich nahekam.
»Warum sollte ich?«, fragte ich.
Seit zwei Wochen ging das jetzt so. Zwei Wochen, in denen ich mich für sie auftakelte und vor ihren Kameras posierte, ihre Worte nachsprach, ihre Befehle befolgte. In denen ich mich immer tiefer in
mich verkroch und verzweifelt nach einem versteckten Zufluchtsort suchte, in den ihre Kameras nicht eindringen konnten, irgendeinen dunklen und sicheren und leeren Ort, der nur mir gehörte.

Reiß die Augen auf.
Leg den Kopf schief.
Lächle.
»Ich habe ja nichts zu verbergen.«

Tag eins.
»Die Befehle werden direkt in dein auditorisches Zentrum geleitet und es wird sich anhören, als käme die Stimme aus deinem Kopf«, erklärte Ben und prüfte ein letztes Mal die Ausrüstung, ganz der Mitarbeiter der Woche, als den ich ihn kannte. Der beste Ausbesserer kaputter Mechs bei BioMax – Ausbesserer, Wartungsprofi , gelegentlich Konstrukteur, aber nicht Arzt, darauf legte er großen Wert. Ärzte kümmerten sich um echte, lebendige Orgs, Ben hingegen brachte kaputte Maschinen in Ordnung, die bloß wie Menschen aussahen. In den letzten sechs Monaten hatte sich jede Einzelheit in meinem Leben bis zur Unkenntlichkeit verändert, nur Ben war der Alte geblieben: dieselben geschmacklosen, geschniegelten Anzüge, dasselbe gegelte Haar, dieselbe maskenhafte Attraktivität. Dieselbe Masche falscher Bescheidenheit, so nach dem Motto: Ach, Quatsch, ich bin überhaupt nicht wichtig, niemand, vor dem man Angst haben muss, ganz bestimmt niemand, der dir etwas verheimlichen oder dich beeinflussen und erpressen oder über Leben oder Tod deines erstaunlich naturgetreuen Körpers entscheiden würde. Ich bin einfach ein Typ wie jeder andere, du kannst mich also Ben nennen.
»Manche Leute lassen sich von der Stimme verunsichern –«
»Ich komm damit schon klar«, erwiderte ich knapp. Ich hatte bereits früher Stimmen in meinem Kopf gehabt. Zu den zahlreichen Vorzügen, die das Dasein als Mech bot, gehörte die Möglichkeit, »sich aufrüsten« zu lassen. Zum Beispiel mit einem neuronalen Implantat, über das ich lautlos mit anderen Mechs sprechen und ihre Stimmen in meinem Kopf empfangen konnte. Oder mit Infrarotsicht und einem eingebauten Navi und all der anderen nichtmenschlichen Zusatztechnik, die man mir entfernt hatte, als ich wieder bei meinen Org-Eltern und meiner Org-Schwester einzog und vorgab, in mein Org-Leben zurückzukehren. Als könnte ich die Augen schließen, mir etwas wünschen und plötzlich wieder organisch sein, plötzlich wieder die lebendige Lia Kahn sein, die vor einem Jahr ins Auto stieg, auf die Autobahn fuhr, in einen Speditionslaster krachte und in tausend verkohlte, blutige Stücke zerfetzt wurde.
»Ich will sichergehen, dass du verstehst, wie alles funktioniert«, fuhr Nenn-mich-Ben gewohnt penetrant fort. »Wenn es erst einmal losgeht, haben wir keine Gelegenheit mehr, uns so zu unterhalten.«
»Wie bedauerlich.«
Er überhörte meine Bemerkung. »Falls du noch Fragen hast, frag lieber jetzt.«
»Wenn Lia sagt, dass sie damit klarkommt, dann kommt sie damit klar.« Das war Kiri Napoor, die PR-Chefin und sozusagen mein persönlicher Draht zu den Mächtigen von BioMax. Sie zwinkerte mir zu, das hieß in Kiri-Sprache: Ich weiß, er ist ein Langweiler, aber spiel einfach mit.
Kiri war mein Wachhund und dafür verantwortlich, dass ich hundertprozentig die Konzernpolitik vertrat. Als sie mir das erste Mal von ihr erzählten, erwartete ich eine weibliche Version von Nenn-mich-Ben, irgendeine Labertante mit ordinären Extensions und straff gezurrter Haut, die ein paar Mal zu oft geliftet worden war, eine Nervensäge, die mir den ganzen Tag hinterherlaufen und jedes Wort von mir umgehend an die Oberherren bei BioMax weitertratschen würde. Stattdessen entpuppte sie sich als Kiri, mit glattem lila Haar, Dauergrinsen und einem unfehlbaren Geschmack, der punkig genug war, um sie unangestrengt cool aussehen zu lassen (Bei unserem ersten Treffen trug sie ein Etuikleid im Retro-Slumstil und dazu Stiefel, die mit dem Network verlinkt waren und Mangarock-Vids abspielten).
»Du hast behauptet, du willst den Mechs helfen«, hatte sie an jenem ersten Tag gesagt. »Also gehe ich davon aus, dass es dir ernst ist. Ich bin hier, um dir zu helfen, nicht um dir hinterherzuspionieren.«
Das klang sehr nach den Sprüchen, mit denen mich Nenn-mich-Ben volltextete, seit ich bei BioMax eingestiegen war. Aber bei Kiri deutete etwas in ihrer Stimme an, dass sie von dem Konzern ebenso
wenig hielt wie ich und dass es ihr mit dem Blödsinn, der aus ihrem Mund kam, nicht anders ging. Dann hatte sie Nenn-mich-Ben hinausgeworfen und ihm erklärt, künftig müsse er, wenn er mich nerven wolle, zuerst sie nerven. Damit war unser Deal besiegelt.
Nur wegen Kiri hatte ich mich überhaupt auf diese bescheuerte Aktion eingelassen. Es war ihre Idee gewesen, also konnte es nicht völlig daneben sein. Zumindest wollte ich das glauben, als sie mich
dazu überredete.
In einem VidLife aufzutreten bedeutete, mich mit Mikrokameras und Mikrofonen verkabeln zu lassen, sodass jeder, der Lust hatte, jede Bewegung von mir verfolgen konnte. Schlimmer noch, es bedeutete,
dass ich jede Rolle spielen musste, die meine Zuschauer von mir verlangten. Es war die perfekte Mischung aus Melodrama nach Drehbuch und totaler Realität, Tag für Tag, rund um die Uhr. So hatten sie es in der Werbung angepriesen, als es mit den VidLifes losging. Deine Lieblingsfiguren sprechen deinen Text, den du ihnen zuvor ins Ohr geflüstert hast, dröhnen sich mit deinem Lieblings­stimmungs­modifizierer zu, fangen was mit dem Typen an, den du gut findest, leben ihr Leben nach deinen Regeln und ruinieren es zu deiner persönlichen Unterhaltung.
Ich redete mir ein, das VidLife sei auch nichts anderes als das, was ich die letzten sechs Monate als Paradebeispiel einer rundum glücklichen Mech von BioMax gemacht hatte; als ich getan hatte, was sie
mir sagten, gesagt hatte, was sie mir befahlen, als ich bei Vorstandstreffen und Pressekonferenzen und Gesetzgebungsausschüssen gekatzbuckelt hatte; kurz: als ich an ihren Fäden hing. Angefangen hatte ich damit, weil mich mein Vater darum gebeten hatte, und noch immer machte ich gute Miene zum bösen Spiel und hielt mich an unseren Handel – ich bekam all den Bonus, den ich brauchte, um Riley zu helfen, und mein Vater bekam seine Tochter zurück. Oder zumindest einen annehmbaren Abklatsch derselben. Und nachdem ich die Pflichtauftritte absolviert hatte, um die er mich bat, machte ich einfach weiter. Ich war schon immer eine gute Schauspielerin gewesen und dieses Mal diente das Theater wenigstens einem guten Zweck.
Kleine Schritte, so sah der Plan aus. Überzeuge die Orgs davon, dass die Mechs keine Bedrohung darstellen, dass sie niemandem schaden wollen. Dass wir nicht anders sind als sie. Dass wir jung
und dumm sind – aber auch relativ reif. Sorglos, aber auch verantwortungsbewusst. Berechenbar, aber genau wie gleichaltrige Orgs anfällig für belanglose Zankereien und Partys. Es bedeutete, sich auf einem schmalen Grat zu bewegen und unterschiedlichen Zuhörern nach dem Mund zu reden. Kiri entwarf passgenau die nüchternen Vorträge, die ich vor Vorständen hielt, oder die Rolle als grinsende Idiotin, in die ich mich in Werbefi lmen verwandelte: Jede Figur wurde sorgfältig auf die Umstände abgestimmt – dass keine davon zu mir passte, war anscheinend egal.
Das VidLife ging mit der Schauspielerei noch einen Schritt weiter. Wir würden ihnen den Beweis liefern – Tag für Tag, in Farbe –, dass ich ebenso harmlos und oberflächlich wie eine durchschnittlich
ausgeflippte reiche Tussi war. Wir würden sie dazu bringen, sich über meine Streitereien und Flirts Gedanken zu machen, über heilige Pakte und Liebesverrat. Ohne sich dessen bewusst zu sein, würden
sie glauben, dass ich mir Gedanken machte, dass ich fühlte. Dass ich mich in den klein karierten Melodramen meines täglichen Lebens nicht von ihnen unterschied, oder zumindest nicht von den
anderen VidLifern. Bei BioMax gab es Mitarbeiter, die nicht nachvollziehen konnten, wie ich irgendjemand von meinem »wahren« Ich überzeugen wollte, indem ich eine Rolle spielte – aber das dachten nur die, die sich keine VidLifes ansahen. Die anderen kannten die peinliche Wahrheit. Gleichgültig, wie bewusst einem war, dass man lebenden Marionetten dabei zusah, wie sie die Fantasien der Massen auslebten – je länger man am Leben der VidLifer teilnahm, umso mehr kaufte man ihnen ihre Rolle ab. Denn darum ging es schließlich bei den VidLifes: die Fantasie zu vergessen und sie als Realität anzuerkennen. Den Unterschied zwischen »Reality« und »Wirklichkeit« zu vergessen.
»Fertig?«, fragte mich Nenn-mich-Ben.
Ich nickte und er tauschte ein paar Gesten mit dem VidLife-Vertreter, dann bedeutete er mir mit hochgehaltenem Daumen, dass alles in Ordnung war. Das war's. Willkommen im VidLife.
Nichts schien verändert. Nichts fühlte sich verändert an. Das Summen der Mikrokamera, die mir über die Schulter sah, hätte ebenso gut von einer Fliege stammen können.
Sei einfach unwiderstehlich, rief ich mir in Erinnerung und wartete darauf, dass etwas passierte. Bereitete mich darauf vor, zu strahlen und zu sprühen, harmlos und unwiderstehlich zu sein, die alte Lia Kahn, die nicht mit wiederaufladbaren Akkus betrieben wurde. Wir sind dieselben wie früher, log ich auf jedem Meeting mit breitem Keramiklächeln. Wir sind perfekte Kopien unseres früheren Selbst.
Wir sind genau wie ihr.
Als die Stimme schließlich sprach, klang sie ausdruckslos und austauschbar.
Im Wilding steigt eine Party, sagte die Stimme. Soweit ich wusste, war im Wilding immer Party. Der Club lief von früh bis spät auf Hochtouren und dann wieder bis früh: die Tänzer und Vollgedröhnten kapselten sich in einer Dauerfantasie ab. Such dir Klamotten und schau dir an, was abgeht.
»Wissen Sie was?«, fragte ich strahlend. »Ich hab Lust zu tanzen.
Vielleicht seh ich mich mal um, wo was läuft.«
Und ohne eine Antwort abzuwarten, verdrückte ich mich aus dem bunkerähnlichen Büro und ging in Gedanken schon meine Kleider durch. Was wohl für das Wilding passte? Und was die Stimme wohl
von mir verlangte, sobald ich drinnen war?
Vor allem aber: Wer wohl zusah?

Tag drei.
Mechs werden nicht müde. Technisch gesehen brauchen wir keinen Schlaf. Natürlich müssen wir auch nicht essen und trinken oder die Beine hochlegen, wenn wir uns stundenlang mit schlenkernden Armen und zurückgeworfenem Kopf im flackernden Neonlicht drehen, während dröhnende Bässe die Wände wackeln lassen und der Boden unter den Füßen bebt, Körper sich an Körper pressen, klebrige verschwitzte, salzige Haut sich an Haut reibt – ich mittendrin. Zweiundsiebzig Stunden lang hatte ich im Wilding zugesehen, wie Tänzer herein- und hinausströmten, wie Quallen, die an Land gespült und dann wieder von der Flut hinausgezogen werden, erschöpft und ausgedörrt nach Stunden in der prallen Sonne. Bloß gab es hier im Wilding keine Sonne, keinerlei Hinweis darauf, dass die Zeit verging, oder dass außerhalb der mitternächtlichen Wände die Welt des Tageslichts existierte.
Im Wilding galt offenbar nur eine Regel: Alles ist erlaubt. Das kam mir gelegen, denn ich hatte mehr als genug Geschichten über Mechs gehört, die zusammengeschlagen worden waren, weil sie sich in Clubs zu schmuggeln versuchten, in die nur Orgs durften. Aber hier war die zugedröhnte Menge zu sehr mit ihrem Getanze, ihren Shockern, ihren Dreiern und Vierern, ihrem Gelecke, ihren Zungenküssen und ihren Prügeleien beschäftigt, um mitzubekommen, was ich in Wirklichkeit war, oder um sich darüber überhaupt Gedanken zu machen.
»Du brauchst einen Kerl«, brüllte mir Felicity mit einem Kichern, das fast echt klang, ins Ohr. Alles, was sie sagte, klang fast echt – dasselbe galt für Pria und Cally, die beiden anderen Stamm-VidLifer, die mich sofort in ihren Kreis aufgenommen hatten. Die Fly-Cams, die über unseren Köpfen surrten, leuchteten auf, sobald sie in Reichweite der anderen Kamera kamen, und wie auf Kommando lachten und quietschten die Lifer, strichen mir übers Haar, wirbelten mich in wilden Schleifen über die brechend volle Tanzfläche und schienen sich nicht daran zu stören, dass ich eine Mech war – das hieß natürlich nur, dass es den Figuren, die sie spielten, egal war.
Cally packte meine Schultern und knetete mit den Daumen das SynFlesh durch. »Du brauchst definitiv einen Kerl«, stimmte sie zu.
»Du bist viel zu verspannt.«
»Ich bin bloß müde«, rief ich zurück, mein Körper wippte noch immer im Takt der Musik; Arme, Beine, Hüften funktionierten auf Autopilot, während wir auf den Wellen des SynthMetal hin- und herhüpften. »Findest du es niemals … ermüdend?« Ich meinte damit nicht müde vom Tanzen. Und das wussten sie.
»Nein, nie«, antwortete Felicity und drehte sich auf der Stelle. Ihr rotes Haar bauschte sich wie eine Feuerwolke um ihren Kopf.
»Aber brauchst du nie …« Ich wählte meine Worte sorgfältig. Kameras oder Privatsphäre durften nicht erwähnt werden, nichts, was die kostbare, zerbrechliche VidLife-Blase zum Platzen bringen würde.
»… mal eine Pause?«
»Pause wovon denn? Das ist das Leben.« Pria kicherte, warf die Arme hoch und ließ sie wie Bänder im Wind flattern und wirbeln. Sie trat seit zwei Jahren ohne einen freien Tag in VidLifes auf und ich fragte mich, ob sie überhaupt noch wusste, was echt war und was Fake. Was würde sie tun, wenn die Stimme in ihrem Kopf verstummte und sie sich selbst überlassen wäre?
»Na los, such dir einen aus«, drängte mich Pria. Sie drehte mich langsam im Kreis, ihr Finger hüpfte von einem heulenden Typen mit dickem Bizeps und tränengefüllten Hundeaugen zu einem Albinoblonden und dann zu einem kunstvoll schmuddelig gestylten Typen mit nacktem Oberkörper, der total mit Xtase zugedröhnt war und zufällig wie ein Doppelgänger von Walker, meinem Org-Ex, aussah. Auf keinen Fall.
»Weißt du, ich hab schon –« Ich brach ab und rief mir in Erinnerung, dass Riley während dieser zwei Wochen nicht existierte – oder genauer gesagt, Riley und ich. Keiner wollte einen VidLifer, der eine Beziehung hatte, zumindest nicht mit jemandem, der nicht an der Show teilnahm, und schon gar nicht jemanden, der mit einem anderen Mech zusammen war, einem Trottel aus der Stadt, der noch nie einen Club von innen gesehen hatte oder, falls doch, den Abend in der Ecke gesessen hätte, still und stumm wie sein Stuhl. Es wäre natürlich etwas anderes gewesen, wenn Riley sich bereit erklärt hätte, das VidLife gemeinsam mit mir zu machen. Es hätte eine zugkräftige neue Show sein können, Mechs in Pärchen, eine Gruppe, die aufeinander abgestimmt und bereit und willens war vorzuführen, wie anatomisch korrekt – wie lustvoll, wie leidenschaftlich, wie menschlich – die Zombies sein konnten. Aber Riley wäre zu so etwas niemals bereit gewesen, also hatte ich ihn nicht gefragt.
Den da, entschied die Stimme in meinem Kopf für mich, als mein Blick auf einen punkigen Typen fiel, der ein paar Jahre älter war als ich und wild vor sich hintanzte. Auf seinem Irokesen steckten Nieten – silberne Armreifen umschlossen beide Arme vom Handgelenk bis zum Ellbogen. Die silbernen Abziehbilder auf seinem Hals wiesen ihn als Skinnerhead aus, als einen dieser Fetischtypen, die vorgaben, sich nach einem ewigen Leben als Mech zu sehnen – sich dann aber doch nicht so sehr danach sehnten, um sich tatsächlich das Hirn aufschneiden und in einen Computer laden zu lassen. MechTech zu tragen war der neueste Trend, zumindest bei denjenigen, die nicht durch die Straßen zogen und nach einem Mech Ausschau hielten, den sie verprügeln konnten. Manchmal trugen es aber auch die, die auf Schlägereien aus waren – es war ein schmaler Grat zwischen Liebe und Hass. Dieser Loser hielt sich eindeutig für superhip. Für irgendjemand draußen im Network war er deshalb
anscheinend mein perfektes Gegenstück. Na los, bagger ihn schon an.
Es brauchte nicht viel.
Mein Komm-rüber-Blick war eingerostet, aber er erfüllte seinen Zweck. Vielleicht lag es an dem stecknadelgroßen goldenen Licht in der Mitte meiner Pupillen, an den toten Mech-Augen, die unter dem Neon-Stroboskop aufl euchteten, an den neckischen kurzen Einblicken auf das SynFlesh unter dem FlashShirt, dessen Stoff ständig von durchsichtig zu blickdicht wechselte. Welcher Skinnerhead konnte schon einem Skinner widerstehen?
Ich liebe Riley, dachte ich, als der Skinnerhead anfi ng, seine Hüften an meinen zu reiben.
Aber: Sag ihm, dass du Lust auf ihn hast, befahl die Stimme in meinem Kopf.
»Ich will dich«, hauchte ich. Der Skinnerhead lächelte wie ein Wolf.
Er presste seine linke Hand – die Nägel waren selbstverständlich silbermetallic lackiert – auf meine nackte Schulter. Seine Finger tasteten sich meinen Rücken hinunter und ich hoffte, dass die Kameras
mein Gesicht in der Dunkelheit nicht erkennen konnten. Er drehte mich herum, presste seine verschwitzte Brust an meinen Rücken, seinen Unterleib gegen meinen Hintern, schlang die Arme um mich, eine Hand umfasste meine Brust, die andere drückte meine Taille, seine Lippen berührten die Wölbung, wo mein Hals auf die Schulter traf, und er atmete meine künstliche Haut ein.
Riley und ich hatten darüber geredet. Wir hatten über die Verpflichtungen geredet, Pro und Contra abgewogen, Grenzen gesetzt. Grenzen ließen sich im Voraus allerdings schwer festlegen. Ausziehen war tabu, okay. Aber was war mit einem Rock, der kaum die Rundung meines Schenkels bedeckte, was war mit silbrigen Fingerspitzen, die unter die Netseide krochen, was war mit Beinen, die sich um Beine schlangen … Armen, die sich um Oberkörper schlossen … wie sah es mit Lippen aus?
Es ist bloß gespielt, hatte ich gesagt, hatten wir uns geeinigt, rief ich mir jetzt in Erinnerung. Es bedeutet nichts.
Seine Lippen lagen auf meinen. Saugten. Sabberten. Seine Zunge in meinem Mund, etwas Nasses und Fremdes erforschte weiche Stellen, an denen es nichts zu suchen hatte. Ich zählte bis zehn. Ignorierte die schmatzenden und klatschenden Geräusche, konzentrierte mich auf die Musik. Zählte bis zwanzig, schloss die Augen, als seine Zunge mein Kinn hinunterschlabberte, meine Wange hinauf,
mein Ohr erforschte, während sein Körper sich noch immer an meinem rieb, langsam, langsam, langsam, selbst als die Musik lauter und schneller wurde, ein Hurrikan aus Beats. Wir waren der Ruhepol in der Mitte. Ich zählte bis dreißig. Dachte an den Zweck des Ganzen und die Botschaft, die es vermitteln würde, eine weitere Schranke zwischen Mechs und Orgs würde fallen, es gäbe noch etwas, was wir gemeinsam hatten: Begehren, Bedürfnis, Sehnsucht. Dachte an den Computer, der mein Gehirn war, und den Körper, der bloß ein Körper war, an mechanische Gliedmaßen, durch die sich Drähte wanden, an falsche Nerven, die mich fühlen ließen, es jedoch nicht schafften, dass sich etwas echt anfühlte. Zählte bis vierzig, seine Zunge schmeckte nach nichts, denn ich konnte nichts schmecken; seine Haare, sein Hals, sein Schweiß rochen nach nichts, denn ich konnte nichts riechen. Ich zählte bis fünfzig, und als sich seine Lippen mein Brustbein hinab, zu dem dunklen Schatten darunter tasteten, warf ich meinen Kopf zurück und versuchte zu lächeln.
Dann kam ich bei sechzig an und stieß ihn so heftig weg, dass er rückwärtstaumelte, mit den Armen ruderte, um das Gleichgewicht zu halten, und in ein Kaffeekränzchen aufgedonnerter Tussen torkelte,
die sich gegenseitig abknutschten. »Muss mir für andere auch noch was aufheben!«, rief ich und ließ zu, dass die Menge sich zwischen uns drängte, und als er sich schließlich auf die Füße rappelte, war ich verschwunden.
»Lass uns über die Bruderschaft der Menschen sprechen.« Die Interviewerin setzte ein Süßstofflächeln auf. »Es sei denn, es ist zu schwierig für dich.«
Ich schüttelte den Kopf. Nach zwei Wochen im VidLife hatte »schwierig« eine neue Bedeutung angenommen; das hier zählte nicht dazu. »Ich bin hier, um zu reden«, erwiderte ich. »Über alles, worüber Sie reden möchten.«
»Wir alle kennen die Geschichte, wie es mit der Bruderschaft anfing«, fuhr die Interviewerin fort, danach ignorierte sie augenblicklich ihre eigenen Worte und erfreute uns mit sämtlichen Einzelheiten: wie der Ehrwürdige Rai Savona edelmütig danach gestrebt hatte, die Heiligkeit menschlichen Lebens zu bewahren; wie er zugunsten einer kleinen Organisation, die Basisarbeit gegen die Skinner leistete, auf den Thron der Faither verzichtet hatte, den Armen half, den Hungrigen zu essen gab und sich, zufälligerweise, dafür einsetzte, dass diejenigen ausgerottet würden, durch deren künstliche Adern künstliches Blut floss. Während sich die Interviewerin zu dem Teil vorarbeitete, an dem die Ereignisse einen »tragischen Verlauf« nahmen, leuchteten auf dem VidScreen hinter ihr Bilder auf: gekidnappte Mechs, an die Altarsäulen in Savonas Tempel gebunden, die »mysteriöse« Explosion am Außenrand des Tempelkomplexes, die Zerstörung einer Einrichtung, die es überhaupt niemals hätte geben dürfen – und dann das letzte Bild, Savonas rechte Hand, wie er vor der bewundernden Menge steht und sich für die Vergehen des höchsten Anführers entschuldigt. Wie er eine freundlichere, gütigere Bruderschaft unter seiner freundlicheren, gütigeren Führung verspricht. Im Kampf gegen die Skinner war Auden Heller die beste Waffe der Bruderschaft, denn sein zerstörter Körper, seine künstlichen Gliedmaßen und beschädigten Organe waren eine ständige Mahnung, welchen Schaden wir anrichten konnten.
»Lia, wie fühlte es sich an –«
Ich wappnete mich und wartete darauf, dass sie mir Fragen über Auden stellen würde, auch wenn man ihr erklärt hatte, dass er tabu war.
Oder über Riley, der bei der Explosion verbrannt, nun aber wieder zurück war, zwar in einem anderen Körper, aber mit demselben Gehirn, das bis auf die Erinnerung, wie er gestorben war, eine genaue Kopie aller Erinnerungen des früheren Rileys enthielt. Jeder Mech besaß einen Uplinker und wir benutzten ihn täglich, um für den Fall der Fälle eine Kopie unserer Erinnerungen auf einem sicheren Server zu speichern. Solange man sich jedoch nicht gerade in dem Moment hochlud, in dem der Körper zerstört wurde, konnte man sich daran nicht erinnern.
»– als Bruder Savona wieder auftauchte und sich BioMax stellte?«, beendete sie ihren Satz. Dann beugte sie sich vor, als warte sie darauf – falsch über meine technischen Einzelheiten informiert –, dass ich losheulte.
»Ich war überrascht.«
»Weil du zu denen gehörtest, die davon ausgingen, er wäre bei der Explosion gestorben?«
Gut, daraus ließ sich etwas machen.
Ich nickte und wünschte mir, ich könnte ehrlich antworten. Denn das Einzige, was mich überrascht hatte, war die Tatsache, dass ein feiger Irrer wie Savona sich auf der Eingangstreppe von BioMax niederließ und um Verurteilung bettelte. Das Einzige, was ich fühlte, war die Enttäuschung, dass er noch immer atmete.
»Und wie hast du dich gefühlt –« hier bitte ein Raubtierlächeln einfügen –, »als der Sicherheitsdienst des Konzerns ihn offi ziell von jeglicher Schuld an der Rolle freisprach, die er möglicherweise bei den unerfreulichen Ereignissen im Tempel gespielt hat?«
BioMax hatte eine offi zielle Darstellung der »unerfreulichen Ereignisse« veröffentlicht, wonach die Bruderschaftsfanatiker um Haaresbreite ein Gebäude plattgemacht hatten, in dem sich viele ihrer eigenen Leute aufhielten, von einer Handvoll unschuldiger Mechs ganz zu schweigen. (Selbst­verständlich waren es die Mechs, die um ein Haar all diese Orgs niedergemetzelt hätten. Da diese Art Wahrheit aber kontraproduktiv war, hielten wir alle den Mund.)
»Man muss Bruder Savonas früheres Benehmen gegen seine erklärte Bereitschaft abwägen, alles wieder­gut­zumachen.« Den Text auswendig zu lernen war einfacher gewesen, als ihn herauszuwürgen. »Bruder Savonas Stimme hat offensichtlich eine große Reichweite, und jetzt, wo ihm die Augen aufgegangen sind –«
»Du beziehst dich vermutlich auf seine Äußerungen, dass er bedauert, wie er die Skinner behandelt hat, und auf seine Zusicherungen, Toleranz zu üben? Glaubst du, es ist ihm mit dem, was er sagt, ernst?«
Ich glaubte, dass niemand Savona jetzt, da er für BioMax als Retter nützlicher war denn als Märtyrer, noch etwas anhaben konnte. Er war der Bruderschaft wieder als inoffi zieller Berater beigetreten – als rechte Hand seiner ehemaligen rechten Hand – und von uns wurde erwartet, dass wir vergaben und vergaßen.
»Wir ziehen es vor, als Mechs bezeichnet zu werden«, stellte ich der Interviewerin gegenüber klar. »›Skiner‹ ist abwertend.« Aus meinem Augenwinkel, knapp hinter dem Bereich, den die Kamera erfasste, sah ich, wie Kiri mit der Hand ein Warnzeichen gab. »Selbstverständlich«, erwiderte die Interviewerin. »Es tut mir leid.
Ich hatte nicht die Absicht –«
»Ich weiß.« Niemand hat je die Absicht. »Und um auf Ihre Frage zurückzukommen, Bruder Savona und Bruder Auden vermitteln eine Botschaft der Toleranz und Gleichheit, der wir hoffentlich alle vertrauen können. Ich möchte den Menschen bloß zeigen, dass Mechs nicht anders sind als alle anderen – wir sind völlig normal. Wenn uns die Bruderschaft dabei hilft, hat sie meine volle Unterstützung.«
»Du bist ein Mädchen mit einem großen Herzen«, bemerkte die Interviewerin.
Ich hätte sie an den drahtlosen Energieumwandler erinnern können, der es sich an der Stelle gemütlich machte, wo eigentlich mein Herz sein sollte. Aber ich ließ es sein.

Tag sieben.
Die Hälfte hatte ich hinter mir.
Ich kann nicht mehr.
»Du Schlampe!«, brüllte Cally und stürzte sich auf Pria. »Ist doch nicht meine Schuld, wenn du ihm nicht bieten konntest, was er wollte«, kreischte Pria und nahm Kampfhaltung an, um sich gegen die Blondine zu verteidigen, die auf sie losging. Sie duckte sich und packte Cally um die Knie, drehte sie auf den Kopf. Damit war Cally in der perfekten Stellung, sie in den Oberschenkel zu beißen.
Pria ging in die Knie.
Hände umklammerten ein Wirrwarr blonder Haare und rissen daran. Lila Nägel kratzten über blasse Haut. Sie zischten, sie schlugen sich, Zähne wurden gefletscht, Buckel gemacht, Spucke flog. Man hörte ein paar sehr undamenhafte Grunzer. Bald waren die beiden ineinander verhakt, sich windende Körper rollten wie eine riesige achtbeinige Bestie über den Marmorboden des Herrenhauses.
Manchmal endeten diese Kämpfe im Krankenhaus; manchmal im Bett (oder im Schrank, dem Pool, der Dusche, dem Vorleger – auf jeder denkbaren Oberfläche). Was immer die Zuschauer verlangten.
Jetzt, befahl die Stimme. Sag es ihnen.
»Ihr seid beide total bescheuert«, sagte ich. »Wollt ihr euch wegen Caleb den Schädel einschlagen? Nur zu.«
Die Stimme gab mir Anweisungen, aber – normalerweise – wählte ich die Worte selbst. Ein klitze­kleines Stückchen Freiheit in meinem Zombieleben.
»Wisst ihr, wem das wirklich gefallen wird?«, fügte ich hinzu. »Felicity. So kriegt sie ihn nämlich ganz für sich.«
Das sich windende Tier erstarrte, dann teilte es sich wieder in zwei einzelne Körper, jedes Auge, Ohr und Molekül konzentrierte sich auf meine nächsten Worte.
»Natürlich hat sie schon mit ihm rumgemacht«, fuhr ich fort.
»Dieses Miststück!«
»Diese Schlampe!«
»Dieses Flittchen!«
»Ich bring sie um.«
»Nur, wenn ich ihr nicht als Erste den Hals umdrehe.«
»Wenn du das versuchst, dann bring ich dich zuerst um.«
Die Wahrheit: Felicity hatte Caleb nie angerührt. Ich wusste nicht, ob ich log, weil ich ihn für mich haben wollte, weil ich Cally oder Pria für mich haben wollte oder weil ich Stunk anfangen wollte. Die Stimme würde es mir früh genug sagen und das wäre dann die neue Wahrheit.
Nachdem der Kampf fürs Erste eingestellt und Felicity dem Tode geweiht war, konnten wir uns dringlicheren Dingen zuwenden.
»Mini oder maxi?«, fragte Pria und hielt zwei Kleider vor ihren üppigen Körper. »Heute Nacht geht es im Chaos richtig ab und wir sind dabei.«
»Maxi«, erwiderte ich, »keine Frage.« Denn an diesem Tag sollte ich Pria hassen und in dem wogenden schwarz-weißen Kleid sah sie wie eine schwangere Kuh aus.
»Das ist mein Kleid!«, schnaubte Cally und riss es ihr aus der Hand.
Pria wirkte überrumpelt, allerdings nur einen Augenblick lang. Dann verwandelte sich ihr Gesicht – die Augen verengten sich zu Schlitzen, die Muskeln spannten sich an, ihre geschwollenen Lippen zogen sich leicht nach oben. Eine meisterhafte Andeutung blanker Bosheit. »Na und?«, knurrte sie. »Steht mir sowieso besser.«
Es ist dein Kleid, entschied die Stimme.
Also sagte ich es.
Dann fügte ich noch den Teil mit der schwangeren Kuh hinzu.
Und dann lag ich auf dem Boden, mein Haar in Prias Händen und meine künstliche Haut unter ihren Nägeln.
Viel Spaß beim Zerkratzen der Haut, dachte ich und verpasste ihr einen leichten unerwarteten Hieb, der ihr jede Menge Stoff für die Kameras liefern würde.
Man hatte mir erklärt, dass die Zuschauer auf Auseinandersetzungen standen.
Vor allem, wenn der Skinner verlor.

»Jeder Skinner – Entschuldigung, Mech – hat verständlicherweise ein belastetes Verhältnis zur Bruderschaft, aber ich wage zu behaupten, dass deines noch belasteter oder auf jeden Fall komplizierter ist als das der meisten«, behauptete die Interviewerin. »Immerhin ist ihr derzeitiger Anführer, Auden Heller, ein ehemaliger Klassenkamerad von dir, das stimmt doch, oder?«
Du weißt, dass es stimmt, du verlogenes Miststück.
Ich hätte Kiri nicht glauben sollen, als sie behauptete, die Interviewerin hätte meine Bedingungen akzeptiert. Hinter der Bühne lässt sich leicht erklären, dass über bestimmte Dinge nicht geredet wird – man lässt seinen heimtückischen Angriff lieber vom Stapel, sobald die Kamera läuft.
Ich lächelte.
»Ja. Wir sind ungefähr zehn Jahre lang zusammen zur Schule gegangen.«
»Und standet ihr euch nahe?«, fragte sie.
»Kurz.«
»Bis zu jenem Tag am Wasserfall –«
»Darüber rede ich nicht.«
»Das kann ich verstehen«, beschwichtigte sie und klang mitfühlend.
Sie tätschelte mein Knie.
Ich ließ sie gewähren. Ich ließ sie sogar die Wasserfallgeschichte herunterleiern und wie Auden um ein Haar gestorben wäre, als er versuchte, mich zu retten, den Skinner, der nicht gerettet werden musste. Meine Schuld, und deshalb – in seinen Augen und den Augen der gehirngewaschenen Massen der Bruderschaft – die Schuld jedes Skinners.
»Es muss so hart für dich sein«, sagte sie. »Du willst bestimmt mit ihm reden und dich für alles entschuldigen, was passiert ist. Gibt es etwas, was du ihm jetzt gern sagen würdest?«, fragte sie mit hungrigen Augen. »Irgendetwas?«
Ich würde nicht alles kaputt machen, indem ich vor laufender Kamera in die Luft ging. Zwei Wochen Elend würden nicht in die Tonne wandern, nur weil ich mir den Luxus von Selbstmitleid gönnte. Oder Privatsphäre. Letztere hatte ich für zwei Wochen aufgegeben, Ersteres ein für alle Mal. Aber ich konnte nicht gute Miene zum bösen Spiel machen.
Ich wandte den Blick kurz von der Kamera ab. Kiris Lippen bewegten sich, und als sei sie die Puppe eines Bauchredners, fing die Interviewerin zu sprechen an. »Sieht aus, als wäre unsere Zeit abgelaufen«, sagte sie steif. Erstaunlicherweise erstarrte der Schweiß, der ihr übers Gesicht lief, nicht zu Eis. »Es war uns ein Vergnügen, dich hier zu haben. Bitte komm wieder.«
Ich lächelte, als meinte ich es ehrlich. »Jederzeit.«
Vielleicht war ich ja trotz allem die bessere Schauspielerin.

Tag fünfzehn.
»Du hast es überlebt.« Kiri zog mich nach dem Interview weg. Das war Geheimsprache und bedeutete: Du hast es nicht vermasselt. Ich wusste nicht, ob sie das Interview oder die ganzen zwei Wochen meinte; ich war zu genervt, um mir den Kopf darüber zu zerbrechen.

Noch eine Nacht, dann war ich frei.
Ich konnte ihr nicht dafür danken, dass sie mich gerettet hatte –sonst würden die Zuschauer erfahren, dass sie eingeschritten war. Also zog ich lediglich eine Augenbraue hoch und sie tat dasselbe.
Gern geschehen.
»Sie wollte mich dazu bringen, über mich selbst zu reden«, zwitscherte ich. »Gibt es etwas Besseres?« Das bedeutete in Geheimsprache: Ich weiß, ich bin schon tot … aber gib mir jetzt den Rest. Bitte.
»Aha, die Lia Kahn, die wir alle kennen und lieben«, erwiderte sie. »Bist du sicher, dass du nicht zu müde bist, um heute Abend auf diese Gala zu gehen?«
Eine Nacht mit großem Staraufgebot, mit der Crème de la Crème der High Society. Einer Crème, bei der man gefl issentlich übersah, dass sie mit saurer Milch zubereitet war. Wir wussten beide, dass es
nur eine akzeptable Antwort gab.
»Ich? Eine Party auslassen? Niemals.«

Niemand hatte mir gesagt, dass die Party unter Wasser stattfand.
Eine transparente Blase zog uns unter Wasser. Die Orgs waren fasziniert, drückten sich gegen die durchsichtigen Wände, beobachteten, wie Fische vorbeizogen und Algen gegen das Glas schlugen. Für sie war das alles neu, ein Abenteuer. Aber ich war durch die Tiefe geschwommen; ich kannte das Gefühl, mich im lautlosen Dunkel des Wassers zu verlieren.
Ich wusste, was sich unter der Oberfl äche des Meeres verbarg – ich hatte die toten Städte und die aufgedunsenen Körper gesehen – und ich wusste, dass nur Algen und Quallen in dem Badewasser aus
Giftschlamm überlebten. Die durchsichtige Kuppel war jedoch von einem kunstvollen falschen Ökosystem umschlossen, das glitzernde Wasser war sauber genug, um Regenbogenkorallenriffe und fluoreszierende Fischschulen zu erkennen. Es war das perfekte Ebenbild des protzigen Unterwasserspektakels, das in der Kuppel stattfand, synthetische Algen wogten aus dem Boden, funkelnde Lichter schwebten durch die Luft, Sterne hingen so tief, dass man sie mit einem Finger antippen und zusehen konnte, wie sie durch den Raum trieben, als schwämmen wir alle und die Schwerkraft wäre vorübergehend aufgehoben. Von jeder Oberfl äche wurden Holografien von Riffen und Wellenkämmen projiziert, nur wenn von Zeit zu Zeit ein tanzendes Paar hindurchschwebte, wurde die Illusion zerstört. Dank des Auftriebsgenerators unter dem Boden, der die Tänzer auf einem Luftkissen emporhob, schwebten sie tatsächlich. Die Party war eine Gala, normalerweise bedeutete das prachtvolle Märchenroben, aber dieses Mal war – bei denen, die besser Bescheid wussten als ich – ein eher maritimer Stil angesagt. Meerjungfrauen trieben auf schwebenden Plateauschuhen vorbei, ihr Haar war hoch aufgetürmt, damit es sich über ihren Köpfen bauschte. Es gab Haie, die so groß wie Orgs waren und mit den Zähnen knirschten, und es gab natürlich auch wieder ein paar, die sich Mühe gaben, besonders nuttig auszusehen. In diesem Fall waren es speziell verkabelte hautfarbene Bodys, die schimmernde Schuppen über nackte Bauchmuskeln, Oberkörper und Hinterteile projizierten.
Ich schlenderte umher und wartete auf meine Anweisungen, überlegte, was all diese Leute tun würden, wenn sie sähen, wie das Leben unter Wasser tatsächlich war, wie das Meer die Org-Welt verändert hatte: das bleiche, aufgedunsene Fleisch, die verrosteten Autos und zerbrochenen Fenster und der ganze Schutt eines Lebens, das ein jähes Ende gefunden hatte. Und dann stellte ich mir vor, wie die durchsichtige Kuppel über unseren Köpfen bersten würde, wie sich ein Spinnennetz aus zerbrochenem Glas über unserem Kuppelhimmel ausbreiten, wie das Wasser hereintropfen würde, als wäre es Regen, dann durchbräche – und wie schließlich ein Glashagel und ein Wasserschwall alles davonschwemmen würden. Ich stellte mir vor, wie die verkleideten Meerjungfrauen sich winden und um sich schlagen würden, gefangen in ihrem wirren Haar, wie sich ihre Wangen bei einem letzten Atemzug aufblähen, wie Blasen aus ihren Mündern und Nasen aufsteigen würden, bis ihnen schließlich die Luft ausginge. Ich stellte mir vor, wie ihre Leichname langsam an die Oberfl äche steigen, mich eine nach der anderen verlassen würde, bis ich mit dem Trümmerhaufen allein wäre. Als wäre ich der letzte Mensch beim Weltuntergang.
Ich verdrängte diese Vorstellungen aus meinem Kopf. Das war nicht meine Fantasie, sondern seine. Judes. Eine Welt, die von Orgs gesäubert wäre. Gereinigt, hätte er gesagt. Ich wollte nicht über die Dinge nachdenken, die er gesagt oder von denen er geträumt hatte, aber ich dachte daran und zwar öfter, als ich zugeben wollte.
Vielleicht hielt ich es deshalb zuerst für eine Einbildung.
Ein Schopf silberner Haare wippte über der Menge. Die rasierklingenscharfen Wangenknochen, das unerträgliche Grinsen. Zusammengekniffene goldene Augen, die mich eine unmögliche Sekunde lang ansahen, sich abwandten – und dann war er verschwunden.
Niemals da gewesen, redete ich mir ein und tanzte. Mein Mech-Gehirn nahm Musik als synkopierten Lärm wahr. Das Gefühl, alles loszulassen, mich mit Körper und Selbst in den hämmernden Klängen zu verlieren, gab es nicht mehr. Es gab nur noch lautlose Befehle vom Gehirn an die Gliedmaßen. Winde dich. Dreh dich. Spring. Winke. Lass die Füße schleifen. Wieg dich in den Hüften. Die Bewegungen schienen nahtlos ineinander überzugehen; das wusste ich, denn ich hatte vor dem Spiegel geübt. Es hatte sich herausgestellt, dass es nicht besonders schwierig war, sich eine glatte Oberfläche seines Ichs zuzulegen. Wenn man die Schritte kennt; wenn man weiß, welche Muskeln man anspannen muss; wenn man weiß, wie man lächeln und wie man sprechen muss; wenn man seinen Text kennt und seine Rolle spielt, dann ist es gleichgültig, was sich hinter der Pose verbirgt.
Die Hände, die sich über meine Augen legten, waren kalt.
Das Flüstern in meinem Ohr klang vertraut.
»Hab ich dir gefehlt?«
Denk dran, sie sehen zu.
Ich packte seine Handgelenke und bohrte meine Nägel hinein. Ich wusste, dass es ihn zum Lächeln bringen würde. Dann drehte ichmich langsam um, auf meinem Gesicht lag ein künstliches gefrorenes Lächeln. Genau wie auf seinem.
»Hatte nicht erwartet, dich so bald wiederzusehen«, bemerkte ich lässig.
Denn er war auf der Flucht, man warf ihm vor, ein Labor voller Orgs in die Luft gejagt zu haben. Ich wusste, dass er schuldig war, schließlich hatte ich ihm geholfen – und ihn gestoppt. Es war nicht unbedingt das sichere, harmlose Gesicht, das ich der Welt zeigen wollte.
Er nickte, seine Augen wanderten zu der FlyCam, die über meiner Schulter schwebte, und seine vollen Lippen zogen sich nach oben.
»Ich war die ganze Zeit da«, erwiderte Jude. »Vielleicht hast du nicht so darauf geachtet.«
Da Riley zusehen würde, verzog ich keine Miene. Riley, der nur die Geschichte kannte, die ich ihm erzählt hatte; ein Märchen, in dem er Jude niemals betrogen, niemals kalten Hass in den Augen seines besten Freundes gesehen hatte.
Wärst du nur für immer verschwunden, dachte ich.
Der Schlampenfisch entdeckte ihn und fing an, ihn eifrig zu umschwärmen. Mädchen, die sich nur durch ihre Haarfarbe voneinander unterschieden, rieben sich an ihm, und er sorgte dafür dass sie nicht aufhörten, grinste über die plumpe Flirterei, machte der einen schönen Komplimente über ihre Schuppen und einer anderen über ihre kunstvollen Flügel und verkniff sich erstaunlicherweise den Kommentar, dass Fische nicht fliegen können. Er zeigte ein merkwürdiges Talent, sie einzuwickeln, indem er ihnen seine Gunst bezeugte, sie mit einem Blick ansah, der tief genug war, um sie von dem besonderen Platz in seinem Herzen zu überzeugen, flüchtig genug, um noch Hoffnung in den Herzen der anderen zu schüren.
Den willst du heute Nacht, befahl mir die Stimme. Dann diktierte sie mir meinen ersten Satz.
»Hast du Lust zu tanzen?«
Bevor ich die Frage zu Ende bringen konnte, umschlangen mich schon Judes Arme und wir schwebten über die Tanzfläche.
»Dir gefällt also das Bonzenleben«, stellte ich vorsichtig fest. Jude drehte mich aus, aber unsere Finger waren so fest ineinander verschlungen, dass ich ihm nicht entkommen konnte.
»Warum sollte es mir nicht gefallen?« Wir tanzten Runde um Runde. Über unseren Köpfen funkelte das Licht und ahmte das Glitzern von Sonnenlicht auf dem Wasser nach. »Man sieht dir deine Freude, mich wiederzuhaben, richtig an.«
Ich konnte in diesen katzenhaft orangefarbenen Augen nichts erkennen. Ich wusste nur, dass er etwas wollte, Jude wollte schließlich immer etwas.
Es ist zu unser aller Wohl, behauptete er immer. Zum Wohl der Mechs, nicht etwa zu Judes Wohl. Es war also bloß ein Zufall, wenn es häufig auf dasselbe hinauslief.
»Wir haben viel zu besprechen.« Er neigte mich so weit nach hinten, dass mein Haar den Boden berührte.
»Ich steh momentan nicht so auf Reden.« Ich warf einen schelmischen Blick in die Kamera, die über unseren Köpfen surrte.
»Und die Welt seufzt erleichtert auf.«
»Du weißt ja: Reden wird überschätzt.«
Was bedeutete: Halt die Klappe.
Keine Anweisung, die er je befolgen würde. »Wenn du dich gesprächiger fühlst, gib mir Bescheid. Ich wohne anderthalb Kilometer hinter dem menschlichen Leid, wo die Natur wiederaufersteht.«
»Du bist ein Rätsel, das man in einen Schwachkopf gepackt und mit Überheblichkeit umhüllt hat«, antwortete ich, so zuckersüß ich konnte.
»Ist mir ein Vergnügen, wenn ich gefalle. Und da das bei dir nicht anders zu sein scheint –« Er warf noch einen Blick in Richtung der schwebenden Kameras. Ich erstarrte und wartete darauf, dass er irgendwelchen Anti-Org-Quatsch ablassen und meine ganze Arbeit zunichtemachen würde.
Er zog mich an sich, eine Hand lag fest um meine Taille, die andere umfasste meine Schulter. Seine Stimme war leise, aber die Mikrofone würden sie einfangen, so wie sie alles einfingen, und er wusste
es. »Komm, wir geben den Zuschauern, was sie wollen.«
Hätte ich gewusst, dass es passiert, hätte ich mich vielleicht wegducken können.
Vielleicht wusste ich, dass es passierte.
Ich duckte mich nicht.

Nur für die Kameras, redete ich mir ein.
Seine Lippen waren ebenso kalt wie meine, seine Augen offen, sie beobachteten mich.
Auch nicht anders als die anderen, redete ich mir ein.
Seine Lippen waren so weich.
Seine Brust war reglos, ein Hohlraum presste sich gegen die Leere meiner eigenen Brust. Wir passten perfekt zusammen.
Das ist harmlos, redete ich mir ein.
Es konnte höchstens ein paar Sekunden gedauert haben. Und dann erinnerte ich mich an das, was ich in den zwei Wochen beinahe vergessen hatte: dass ich schauspielern konnte, dass die Marionette ihre Fäden manchmal selbst ziehen konnte – und dass die Leute auf Streitereien standen.
Ich knallte ihm eine.
Er sah, dass es passieren würde, genau wie ich; und er ließ mich gewähren, genau wie ich ihn. Man hörte ein hartes Knallen, aber er verzog keine Miene. Auf der synthetischen Haut blieb keine wütende rote Strieme zurück. Sie sah aus, als sei nichts geschehen.
»Wenn du mich willst, weißt du, wo du mich findest«, flüsterte er.
Und ließ mich los. Er verschmolz mit der Menge, bevor ich ihn aufhalten konnte. Nicht dass ich es versucht hätte. Ich redete mir ein, es sei mein Wunsch, dass er ging, dieses Mal für immer.

Und fast glaubte ich es.

© 2010, by Robin Wasserman. | Deutsche Übersetzung: Claudia Max.

Online- Publikation der übersetzten Textauszüge mit freundlicher Genehmigung des script 5.
Publication of translated excerpts by courtesy of the script 5.

 

Robin Wasserman | Crashed

Aus dem Amerikanischen von Claudia Max.
ab 16 | erschienen September 2010, Script 5 | 376 Seiten | ISBN 978-3-8390-0114-1

Als Taschenbuchausgabe bei Ravensburger |480 Seiten | ISBN-13: 978-3473584604

Keywords: Science Fiction, Dystopie, Coming of Age, Bildungsroman, Gesellschaftsroman, Jugendliteratur

Inhalt: Sechs Monate sind vergangen, seit Lias Wirklichkeit auf den Kopf gestellt wurde. Sechs Monate voller Zweifel, Angst und Auflehnung gegen die Tatsache, dass ihr Körper tot ist und Lia Kahn nur in einer menschenähnlichen Maschine weiterexistieren wird.
Jetzt ist Lia bereit, ihr neues Dasein zu akzeptieren: Sie ist ein Mech und sie gehört zu ihresgleichen. Es ist eine wilde, sorglose Existenz, die sie führen, ohne Regeln, ohne Angst. Denn es gibt nichts zu fürchten, wenn man nichts mehr zu verlieren hat.
Doch dann wird Lia von ihrer Vergangenheit eingeholt. Sie muss eine Wahl treffen zwischen ihrem alten Leben und ihrer neuen Freiheit, zwischen den Menschen und den Mechs. Sie muss sich entscheiden zwischen dem Mädchen, das sie war, und dem Jungen, den sie einmal geliebt hat…

robin-wassermanRobin Wassermann: Homepage | Amazon

[Textprobe PDF]

 

Abheben

Lia Kahn ist tot.
Ich bin Lia Kahn.
Deshalb – denn das ist ja wohl ein logisches Problem, das sogar ein minderbemitteltes Kind lösen könnte – bin ich tot.
Da ist nur eine Sache: Ich bin es nicht.

»Keine Angst.«

Es war die Stimme meines Vaters.
Sie war es – und war es auch nicht. Sie klang komisch. Gedämpft und blechern und gleichzeitig irgendwie zu klar und zu deutlich.
Ich hatte keine Schmerzen.
Aber ich wusste – und zwar bevor ich überhaupt begriff, was mit mir los war –, ich wusste, dass ich Schmerzen hätte haben müssen.
Etwas riss meine Augen auf. Die Welt war ein Kaleidoskop, Formen und Farben wirbelten durcheinander, sinnlos, ohne Muster, bis meine Augen schließlich ohne Vorwarnung wieder zuklappten; dann war alles vorbei. Kein Schmerz, kein Gefühl, keine Ahnung, ob ich lag oder stand. Es war nicht so, dass ich meine Beine nicht bewegen konnte. Es war nicht mal so, dass ich meine Beine nicht spüren konnte. Mit geschlossenen Augen konnte ich nicht mal sagen, ob ich überhaupt Beine hatte.
Oder Arme.
Oder irgendetwas anderes.
Ich denke, also bin ich, dachte ich in einem Anflug von Hysterie. Am liebsten hätte ich gekichert, aber ich konnte meinen Mund nicht spüren.
Ich bekam Panik.
Gelähmt.
Ich konnte mich an ein Auto erinnern. Und an ein kreischendes Geräusch, das wie ein Schrei klang, andererseits auch wieder nicht. Nicht Mensch, nicht Tier.
Und Feuer. Etwas brannte. Der Geruch von etwas Brennendem. Daran erinnerte ich mich.
Ich wollte mich nicht daran erinnern.
Ich konnte mich nicht bewegen. Ich konnte nicht sprechen. Ich konnte meine Augen nicht öffnen.
Sie wissen nicht, dass ich hier drin wach bin. In Gedanken hörte ich den hämmernden Herzschlag, den ich nicht mehr spüren konnte, fühlte, wie sich imaginäre Lungen vor Entsetzen zusammenzogen, schmeckte das Salz unsichtbarer Tränen. Sie können es einfach nicht wissen.
Für meinen Vater, für meine Mutter, die sich in meiner Vorstellung vor dem Krankenzimmer aneinanderklammerten und weinten, unfähig, hereinzukommen; für die Ärzte, die mein Vater sicherlich aus der ganzen Welt hatte einfliegen lassen; für Zoie, die eigentlich im Auto hätte sitzen sollen, die es eigentlich hätte treffen sollen –
Für sie alle schien ich bewusstlos zu sein. Ahnungslos.
Ich konnte mir vorstellen, wie die Zeit verging und die Stimme des Arztes das Schluchzen meiner Mutter übertönte. Noch immer keine Reaktion. Noch immer keine Bewegung, kein Laut, keine Augenreflexe. Noch immer kein Lebenszeichen.
Meine Augen wurden wieder geöffnet, dieses Mal für längere Zeit. Die Farben flossen ineinander, lösten sich in verschwommene Formen auf, eine Unterwasserwelt. Am oberen Rand meines Blickfeldes entdeckte ich etwas Knolliges, Fleischiges, Finger, die meine Augenlider auseinanderzerrten. Über mir schwebte eine dunkle, unscharfe Gestalt, die mit der Stimme meines Vaters sprach.
»Ich weiß nicht, ob du mich schon hören kannst.« Seine Stimme klang ruhig, seine Worte unbeholfen. »Es wird alles gut, ich verspreche es dir. Versuche, geduldig zu sein.«
Mein Vater nahm seine Hand von meinem Gesicht, meine Lider klappten wieder herunter und sperrten mich hinter einer schwarzen Wand ein. Er blieb. Ich wusste es, denn ich konnte ihn atmen hören – nur mich selbst nicht.

Was letzte Tage angeht, meiner war beschissen.
Hätte ich mir einen letzten Tag aussuchen können – einen letzten Tag, wie ich ihn wirklich verdient hätte –, wäre auf jeden Fall mehr Schokolade im Spiel gewesen. Wesentlich mehr. Dunkle. Vollmilch. Weiße. Zartbitter. Mit Olivenstückchen. Karamellgefüllt. Trüffel. Ganache. Und Käse hätte es gegeben, weich, schmelzend, die Sorte, die im ganzen Zimmer stinkt, während sie dir die Kehle hinunterrinnt. Ich hätte den ganzen Tag im Bett gelegen und all das gegessen, was ich jetzt nicht mehr essen kann, hätte die Musik gehört, die mir mittlerweile egal geworden ist, hätte gefühlt. Die kratzige Baumwolle des Bettlakens. Das Kopfkissen, bei der ersten Berührung kühl, aber nach einer Weile warm an meine Wange geschmiegt. Den Mief aus der Lüftung, der mir den Pony in die Stirn gepustet hätte. Und Walker – hätte ich gewusst, was passieren würde, dann hätte ich ihn gefragt, ob er herüberkommt. Ich hätte gesagt: »Scheiß auf meine Eltern, vergiss meine Schwester, sei einfach hier, bei mir, heute.« Ich hätte die flaumigen Haare auf seinen Armen gefühlt und die kratzigen Bartstoppeln an seinem Kinn, denn er war zu faul, sich mehr als einmal pro Woche zu rasieren, da konnte ich sagen, was ich wollte. Ich hätte seine Fingerspitzen auf meiner Haut gespürt, ein Kitzeln, ein Streicheln, so leicht, dass es fast wehtat, weil es nur versprach und nichts davon einhalten wollte. Ich hätte Pfefferminz auf seinen Lippen geschmeckt und gewusst, dass er an diesem Morgen wieder einmal den Kaugummi der Zahncreme vorgezogen hatte; ich hätte ihn dazu gebracht, seine kurzen Nägel in meine Haut zu graben, nicht nur weil ich wollte, dass er mich festhielt, sondern weil ich im letzten schönen Moment meines Lebens auch noch ein letztes Mal Schmerz hätte fühlen wollen.

Das kann einfach nicht passiert sein.
Nicht mir.

Da lag ich nun. Ich versuchte geduldig zu sein, wie mich mein Vater gebeten hatte. Ich wartete darauf aufzuwachen.
Jaja, ich weiß schon: voll das Klischee. Das muss ein Traum sein. Du redest es dir immer wieder ein, vielleicht kneifst du dich sogar, obwohl du weißt, es ist nur ein billiger Trick, denn schon der Versuch beweist schließlich, dass es kein Traum ist. In einem Traum stellst du die Wirklichkeit nie infrage. In einem Traum verschwinden Menschen, Gebäude tauchen auf, Schauplätze ändern sich, du fliegst. Du fällst. Und alles erscheint völlig logisch. Nur im Wachzustand wehrt man sich gegen seltsame Dinge.
Ich wartete also darauf, aufzuwachen.
Der große Schock: Ich wachte nicht auf.
Phase eins: Leugnen. Erledigt.
Als mein Großvater starb, hörte ich zum ersten Mal von den fünf Phasen des Trauerns. Nicht dass ich sie wirklich durchlebt hätte. Nicht dass ich wirklich um einen Typ getrauert hätte, den ich nur zweimal getroffen hatte und den mein Vater ganz offensichtlich verabscheute und von dem meine Mutter, immerhin seine einzige Tochter, behauptete, sie könne sich kaum an ihn erinnern. Sie heulte trotzdem und mein Vater ertrug es, jedenfalls ein paar Tage lang. Wir ertrugen es alle. Er schenkte ihr Blumen. Ich verdrehte nicht einmal dann die Augen, wenn sie beim Abendessen ihr Glas zum dritten Mal mit diesem nervtötenden Ach-bin-ich-ungeschickt-Kichern umwarf. Zo stöberte im Network herum und entdeckte die fünf Phasen der Trauer.
Leugnen. Wut. Verhandeln. Depression. Akzeptanz.
Da ich also tot war – genau genommen toter als tot, nämlich lebendig in einem Körper begraben, der ebenso gut ein Sarg hätte sein können, auch wenn er mir die Freuden des Erstickens verweigerte –, kam ich zu dem Schluss, dass ich ein Recht darauf hatte, zu trauern.
Nein, nicht trauern. Das war das falsche Wort.
Wut.
Ich hasste jeden. Alles. Das Auto für den Unfall. Meinen Körper dafür, dass er verbrannte und kaputtging. Zo für die Tatsache, dass sie mich an ihrer Stelle geschickt hatte. Dass sie lebte, atmete, irgendwo Partys feierte, wo keine Dunkelheit herrschte, in einem funktionierenden Körper. Ich hasste Walker dafür, dass er mich vergessen würde, für die Mädchen, mit denen er ausgehen und die er vögeln würde, und das Mädchen, mit dem er eng umschlungen im Bett liegen würde, das er in seinen Armen halten würde, während er ihr flüsternd versprach, dass sie die Einzige für ihn sei. Ich hasste die Ärzte, die ein und aus gingen, meine Augen aufrissen, mich mit ihren Stableuchten blendeten, mir zuzwinkerten, mich anstarrten und auf ein Zeichen warteten, das ich ihnen nicht geben konnte, obwohl ich die ganze Zeit innerlich schrie: Ich bin wach Ich lebe Hört ihr mich Helft mir. Am Ende würden mich die Lider wieder in die Schwärze einsperren.
Mein Vater blieb bei mir. Er war der Einzige, der mit mir redete. Es war eine endlose, monotone Litanei: Hab Geduld, Lia. Versuche, aufzuwachen, Lia. Versuche dich zu bewegen, Lia. Alles wird gut, Lia. Streng dich an, Lia. Du schaffst es. Ich wollte ihm glauben, weil ich ihm immer geglaubt hatte. Ich wollte daran glauben, dass er alles in Ordnung bringen würde, so wie er immer alles in Ordnung gebracht hatte. Ich wollte ihm glauben, aber ich konnte es nicht, und dafür hasste ich ihn am meisten.
Danach kam die Phase des Verhandelns. Es gab zwar niemanden, den ich um etwas hätte bitten können, aber ich bettelte trotzdem. Zuerst bat ich darum, einfach aufzuwachen – meine Augen öffnen, mich aufsetzen und meine Beine aus dem Bett schwingen zu können. So wie es aussah, ging dieser Wunsch nicht in Erfüllung. Also versuchte ich es mit einem Kompromiss: Lass mich bloß die Augen öffnen, mach, dass ich sprechen und mich bewegen und etwas spüren kann. Lass das hier nicht für immer sein. Lass mich wieder gesund werden.
Später, als sich immer noch nichts geändert hatte, als es immer noch keinen Hoffnungsschimmer gab: Lass mich meine Augen öffnen. Lass mich sprechen. Verschone mich.
Das war, bevor der Schmerz kam.
Genau wie die Ärzte gab er sich keine Mühe, sich langsam an mich heranzupirschen. Er explodierte einfach, eine Supernova in der Schwärze. Ich lebte in diesem Schmerz, er war alles, was ich war, er war zeitlos, er war ewig – und dann war er plötzlich vorbei.
Das war der Anfang.
Ein unglaubliches Wohlbefinden, eine Wärme breitete sich aus, sie steigerte sich zu einem Feuer, das kaum zu ertragen war. Beißende Kälte. Glühende Hitze. Elend. Eine übersprudelnde Fröhlichkeit, die sich nach Lachen sehnte. Angst – nein, nacktes Grauen. Empfindungen tauchten aus dem Nichts auf und überfluteten mich, ebenso schnell verschwanden sie wieder, ohne Grund, ohne Muster, ohne Vorwarnung. Und schließlich – er verschwand nie für lange, bevor er mir den nächsten Besuch abstattete – der Schmerz.
Ich schlief niemals. Ich konnte fühlen, wie die Zeit verging, konnte von dem, was die Ärzte sich zuraunten, darauf schließen, dass die Tage verstrichen, aber ich verlor niemals das Bewusstsein. Wenn die Wellen kamen, verlor ich die Kontrolle, ich verlor den Verstand und verlor mich selbst in bodenlosen Empfindungen, doch sosehr ich es mir auch wünschte, sie rissen mich niemals mit sich fort. In den Momenten zwischen den Wellen, wenn die dunklen Wasser ruhig und ich ich selbst war, fing ich wieder an zu verhandeln.
Lass mich schlafen.
Lass mich sterben.

»Ich mach es – aber dann schuldest du mir etwas«, hatte ich zu Zo gesagt. Bevor es passierte.
Sie hatte mich ignoriert und ihr Haar zu einem lockeren Knoten gedreht und ihn im Nacken festgesteckt. Ihre Haare waren blond, wie meine, allerdings glänzten meine, sie waren dicht und wippten auf der Schulter, wenn ich lachte. Ihre hingegen wirkten struppig und kraftlos, und egal, was sie mit ihnen anstellte, sie sahen immer ungewaschen aus. Ich habe ihr immer gesagt, dass sie ebenso hübsch wäre wie ich, doch wir kannten beide die Wahrheit.
»Vergiss es. Du schuldest mir etwas«, sagte sie schließlich und zog ein ausgeblichenes braunes Sweatshirt an, in dem sie wie eine Kartoffel aussah. Ich sagte nichts dazu. Unsere Eltern hatten sich für Mädchen entschieden, für blondes Haar, blaue Augen; für einen niedrigen Body-Mass-Index und einen einigermaßen hohen Intelligenzquotienten hatten sie sogar zusätzlich bezahlt, aber Faulheit war nicht einfach ein Gen, das man hätte eliminieren können – kein noch so bedeutender Geldbetrag konnte eine Zo garantieren, die all die genetischen Vorzüge, die man ihr mit auf den Weg gegeben hatte, schätzen würde. »Du möchtest bestimmt nicht, dass ich Dad erzähle, wo du dieses Wochenende wirklich warst, oder? Er freut sich sicher, wenn er hört, dass du den Kopf nicht in die Schulbücher gesteckt hast, wie du behauptest, sondern zwischen Walkers –«
»Ich hab dir schon gesagt, dass ich es mache, Zoie.« Sie hasste den Namen. Ich riss ihr die Schlüsselkarte aus der Hand. »Dürfte ich vielleicht erfahren, wo du dich rumtreibst, während ich für dich Windeln wechsle und Rotz abwische?«
»Nein.«
Keine von uns musste arbeiten. In Anbetracht des Bonus auf dem Konto unserer Eltern würde keine von uns beiden jemals arbeiten müssen. Aber unser Vater war ein überzeugter Anhänger von Produktivität.
»Arbeit macht frei«, pflegte er zu zitieren, als wir Kinder waren. Meine Urururgroßeltern kamen aus Deutschland.
Ich war zwölf, als ich dies eines Tages einer Lehrerin gegenüber
wiederholte. Sie gab mir eine Ohrfeige. Dann erklärte sie mir, woher der Spruch kam. Die Nazis hatten ihn den KZ-Häftlingen gepredigt. Bevor sie dafür sorgten, dass sie sich zu Tode schufteten.
»Längst vergangene Geschichte«, antwortete mein Vater, als ich ihm die Hiobsbotschaft überbrachte. »Die Verjährungsfrist für Befindlichkeiten beträgt hundert Jahre.« Er sorgte dafür, dass die Lehrerin gefeuert wurde.
Weil ich Sportlerin war, musste ich keinen Job annehmen. Eine Siegerin, bemerkte mein Vater jedes Mal, wenn ich nach einem Wettlauf einen weiteren Pokal nach Hause brachte. Eine Arbeiterin. Er kam nie zu den Wettkämpfen, aber die Pokale für den ersten Platz standen in Reih und Glied auf einem Bücherregal in seinem Büro. Die zweiten Plätze blieben in meinem Zimmer. Alle anderen wanderten in den Müll.
Zo trieb keinen Sport. Soweit ich es beurteilen konnte, hing sie den ganzen Tag mit ihren Loserfreunden auf Parkplätzen ab und dröhnte sich mit Dozers zu. Sie nahmen irgendeine neue Sorte, die stinkende Rauchwolken aufsteigen ließ, wenn man sie lutschte; auf die Art konnte man sich wie ein Retro aus den guten alten Tagen vor dem Nikotinverbot fühlen. »Erklär mir, warum es cool ist, wie Oma auszusehen«, fragte ich sie einmal.
»Ich mache Dinge nicht, weil sie cool sind«, gab Zo patzig zurück. »Dafür bist du zuständig.«
Nur um das mal festzuhalten, ich tat nichts, nur weil es cool war.
Dinge waren cool, weil ich sie tat.
Ich rannte also jeden Tag zehn Meilen, während Zo ihre von Dad verordnete Schicht in der Kindertagesstätte schob, Rotznasen abwischte und vollgeschissene Windeln wechselte; die Tage, an denen sie mich rumkriegte, für sie zu arbeiten, natürlich ausgenommen.
»Schon gut«, besänftigte ich Zo. »Aber ich schwör dir, es ist das letzte Mal.«
Es war das letzte Mal.

Das Ziel war schon im Auto einprogrammiert. Unser Vater würde abends kontrollieren, ob es das vorgegebene Ziel angesteuert hatte, er konnte jedoch nicht herausfinden, welche von uns Schwestern gefahren war. Ich gab »KinderParadies« ein und warf mich auf die Rückbank. Walker konnte es kaum erwarten, achtzehn zu werden, damit er endlich manuell fahren durfte, was ich echt nicht verstehen konnte. Es war doch viel bequemer, sich auszustrecken, während sich der Sitz meinem Körper anpasste, ein Magazin zu hören, mich mit Walker zu verlinken und ihn an die Party abends zu erinnern, durchs Network zu zappen und mich zu vergewissern, dass keiner meiner Freunde Bilder von irgendetwas gepostet hatte, was ich auf keinen Fall hätte verpassen sollen (eigentlich war das unmöglich, denn es bestand allgemeine Übereinstimmung, dass alles, was ich verpasste, sowieso nicht zählte).
An diesem Tag aber unterbrach ich den Link. Keine Chats, keine Links, keine Vids, keine Musik, absolut nichts. Stille. Ich schloss die Augen.
Dieses Gefühl hatte ich sonst nur, wenn ich schon ein paar Meilen gerannt war und die erste Welle der Erschöpfung nachgelassen hatte, wenn die Welt zusammenschrumpfte auf das Laufgeräusch meiner Füße auf dem Asphalt und das Summen in meinen Ohren und die Luft, die durch meine Lungen pfiff – es war eigentlich kein Gefühl, sondern das Fehlen eines Gefühls, das Fehlen eines Ichs. So als existierte ich nicht mehr. Jedenfalls nicht als Lia Kahn; als sei ich nur noch eine verschwommene Masse aus Armen und Beinen, Röcheln, pulsierendem Blut, bis zum Reißen angespannten Muskeln, Wind. Nur Körper, keine Gedanken. Als ich an jenem Tag mit geschlossenen Augen dort lag, hätte sich dieses Gefühl eigentlich nicht einstellen sollen, aber aus irgendeinem Grund war es da. Aus irgendeinem Grund war ich – leer. Frei von Sorgen, frei von Gedanken. Versunken in der Schwärze hinter meinen Lidern.
Als ob ein Teil von mir geahnt hätte, was passieren würde.
Als ob es mich nicht überrascht hätte, als plötzlich alles durcheinanderflog und das kreischende Geräusch von Metall auf Metall die Stille zerriss, als die Welt um mich herumwirbelte, Erde über Himmel über Erde über Himmel, und als mich schließlich ein zerbeultes Dach mit einem gewaltigen Schlag und dem Knirschen von Glas und Stahl auf den völlig ausgebrannten Boden schmetterte.
Ich erzähle den Leuten, dass ich mich nicht erinnern kann, was danach geschah. Ich erzähle ihnen, dass ich mit dem Kopf aufschlug und danach alles schwarz wurde. Sie glauben mir. Sie wollen mir glauben.
Sie wollen nichts davon hören, wie ich dort eingeklemmt lag, wie sich Metallkrallen knirschend in meine Haut gruben; die Beine taub, abwesend, als endete das Universum an meiner Taille; die Arme aus den Gelenken gerissen, verdreht, weißglühend vor Schmerz. Sie wollen nicht hören, dass hinter all dem Blut mein eines Auge blind war, das andere jedoch alles deutlich erkennen konnte: schwarzen Rauch, einen Streifen Blau durch das zerborstene Fenster, sommersprossige Haut mit roten Spritzern, das weiße Schimmern von Knochen. Ein orangefarbenes Flimmern.
Sie wollen nicht hören, wie es sich anfühlte, als ich anfing zu brennen.
Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass mein Leben im Zeitraffer vor meinen Augen ablief, als ich an jenes Bett gefesselt war. Vielleicht hätte das die ganze Sache interessanter gemacht. Ich versuchte es zu erzwingen. Ich dachte, wenn ich mich an alles erinnern könnte, was bisher in meinem Leben passiert war, an jeden einzelnen Augenblick, dann würde es sich vielleicht anfühlen, als lebte ich wieder. Wenn ich Lia Kahns Glanzmomente noch einmal durchleben würde, könnte ich immerhin ein paar Stunden totschlagen, vielleicht sogar ein paar Tage. Aber es war sinnlos. Jedes Mal begann ich mit dem ersten Ereignis, an das ich mich erinnern konnte – nämlich wie mich das schmerzhafte Piken der Lanzette bei meinem ersten morgendlichen MedCheck dazu gebracht hatte, wie am Spieß zu brüllen, weil mein kindlicher Verstand fest davon überzeugt gewesen war, die winzige Silberspitze würde mein ganzes Blut aussaugen, wie mir meine Mutter dabei über das Haar strich, mich bat, mit dem Weinen aufzuhören, und mir einen Keks, einen Lutscher, einen Welpen versprach, Hauptsache, ich würde zu heulen aufhören, bevor mein Vater kam. Ich erinnerte mich daran, wie die Tränen über mein Gesicht rannen, und an den Abscheu, der meinem Vater ins Gesicht geschrieben stand. Ich dachte darüber nach, dass tägliche MedChecks und DNA-personalisierte Medikamente uns eigentlich Gesundheit, Sicherheit und ein nahezu ewiges Leben garantieren sollten, dass dieses »Nahezu« allerdings nicht ausreichte, wenn das Navigationssystem in deinem Auto den Geist aufgab und dich in einen Laster oder gegen einen Baum rammte, dich in die Luft schleuderte und anschließend Hackfleisch aus dir machte. Immer wieder erinnerte ich mich an die Hand meiner Mutter auf meiner Stirn und fragte mich, warum ich ihre Stimme nie in meinem Zimmer hörte.
Tage vergingen.
Ich machte Listen. Von Leuten, die ich kannte. Von Leuten, die ich nicht leiden konnte. Von Wörtern, die mit dem Buchstaben Q begannen. Ich versuchte, eine Liste aller ViMs aufzustellen, die ich je besessen hatte, angefangen bei meiner allerersten pinkfarbenen VirtualMachine mit den übergroßen Knöpfen und dem kindersicheren Bildschirm bis hin zu meinem momentanen Favoriten, der neonblauen NanoViM, die man an der Kleidung befestigen konnte oder am Handgelenk oder sogar am Hintern, falls man gerade in der Stimmung war, Vids abzuspielen, während man den Gang hinuntertänzelte. Nicht dass ich das ausprobiert hätte – nach diesem einen Mal. Aber etwa bei der Hälfte der Liste wurde es immer schwammig. Es waren zu viele ViMs gewesen, um sich an jede einzelne zu erinnern, denn wenn man wie ich genügend Bonus hatte, konnte man aus fast allem einen virtuellen Computer bauen, mit dem man sich ins Network einlinkte.
Ich sang mir selbst Lieder vor. Ich übte die Verse, die ich für den Englischunterricht hatte auswendig lernen müssen, denn nach Ansicht meines Lehrers, der null Ahnung hatte, »mag das Theater tot sein, Shakespeare jedoch ist unsterblich«.
Sterben – schlafen –
nichts weiter! – Und zu wissen, daß ein Schlaf
das Herzweh und die tausend Stöße endet,
die unsers Fleisches Erbteil – ’s ist ein Ziel,
aufs innigste zu wünschen
.
Was auch immer das bedeutete. Walker hatte mit Happy Tanzen, die die Julia spielte, eine Stelle aus Romeo und Julia vorgetragen und ich fragte mich, ob Happy wohl diejenige – oder, wenn man ihre D-Körbchen mitzählte, die drei – wäre, die meinen Platz einnehmen würde.
Ich hörte den Ärzten zu und hoffte, sie würden zufällig etwas aus ihrem Privatleben ausplaudern oder wenigstens irgendetwas anderes sagen als »Deltawellen abfallend«, »Anstieg Alphafrequenz«, »Rhythmus im Normalbereich« oder einen der anderen Ausdrücke, mit denen sie ständig um sich warfen. Ich versuchte meine Arme und Beine zu bewegen; ich versuchte sie zu spüren. Wenn sie meine Augen öffneten, merkte ich, dass ich auf dem Rücken lag. Das hieß, unter mir mussten ein Bett und irgendwelche Laken sein. Also versuchte ich mir vorzustellen, dass meine Finger auf der kratzigen Baumwolle lagen. Aber je mehr Zeit verging, umso weniger konnte ich mir vorstellen, dass ich überhaupt Finger hatte. Soweit ich es beurteilen konnte, hatte ich keine.
Ich gab jeden Versuch auf.
Ich hörte auf zu denken. Ich schwebte in einer grauen Wolke durch die Tage, wach und doch nicht wach, reglos, aber gleichgültig.
Als es schließlich passierte, geschah es ohne mein Zutun. Ich hatte es nicht versucht. Mir war nicht einmal klar, was ich da eigentlich tat. Es passierte einfach. Augen geschlossen, Augen geschlossen, Augen geschlossen –
Augen geöffnet.
Jemand schrie, vielleicht einer der Ärzte, vielleicht mein Vater, ich konnte es nicht unterscheiden, denn ich starrte an die graue Decke, aber ich hatte es getan, ich hatte irgendwie meine Augen selbstständig geöffnet und sie blieben geöffnet.
Noch etwas anderes bewegte sich. Ein Arm.
Mein Arm. Für einen Augenblick vergaß ich in dieser Welle grenzenloser Erleichterung alles andere: mein Arm. Unversehrt. Ich konnte ihn nicht fühlen, unternahm auch keinen Versuch, ihn zu bewegen, aber ich sah ihn. Sah, wie er durch mein Blickfeld nach oben schnellte und schließlich mit einem dumpfen Schlag hart aufs Bett zurückfiel. Dann der andere Arm. Hoch. Runter. Dumpfer Schlag. Und meine Beine … Es mussten meine Beine gewesen sein. Ich konnte sie nicht fühlen, ich konnte sie auch nicht sehen, aber ich hörte, wie sie auf die Matratze knallten, wie Trommelschläge, bumm, bumm, bumm. Mein Hals bog sich nach hinten und die Decke begann sich zu drehen, ich flog, und schließlich ein dumpfes Geräusch, laut, als poltere ein Körper auf den Boden. Klong, klong, klong, als mein Kopf auf die Fliesen knallte, immer und immer wieder aufprallte. Es verursachte viel Krach, aber es tat nicht weh. Und dann stürmten zwei Füße auf mich zu und ich wollte eigentlich nur wieder reglos im Dunkeln liegen, aber nun konnte ich meine Augen nicht mehr schließen. Zwei dickliche weiße, weiche Hände packten meinen Kopf und hielten ihn fest, und zum ersten Mal, seitdem ich aufgewacht war, kam alles zum Stillstand.
Schlafen. Vielleicht auch träumen.

© 2010, by Robin Wasserman. | Deutsche Übersetzung: Claudia Max.

Online- Publikation der übersetzten Textauszüge mit freundlicher Genehmigung des script 5.
Publication of translated excerpts by courtesy of the script 5.

Robin Wasserman | Skinned

Aus dem Amerikanischen von Claudia Max.
ab 16 | erschienen Januar 2010, Script 5 | 376 Seiten | ISBN 978-3-8390-0106-6

Als Taschenbuchausgabe bei Ravensburger | 384 Seiten | ISBN-13: 978-3473584499

Keywords: Science Fiction, Dystopie, Coming of Age, Bildungsroman, Gesellschaftsroman, Jugendliteratur

Inhalt: Lia Kahn ist reich, schön und beliebt – bis ein Unfall sie beinahe tötet. Im Krankenhaus wacht sie in einem perfekten künstlichen Körper auf. Lia wird nie wieder Schmerz empfinden, sie wird nicht altern und nicht sterben. Doch der Preis dafür ist hoch: Ihre Freunde misstrauen ihr, ihr Freund betrügt sie und alles, was ihr wichtig war, wandelt sich in einen Albtraum. Hin- und hergerissen zwischen dem Leben, das sie einmal kannte, und einer neuen, aufregenden Existenz, lernt Lia bald die bitterste Lektion: Niemand kann ihr die Entscheidung abnehmen, die sie treffen muss, um sich selbst zu schützen.

robin-wassermanRobin Wassermann: Homepage | Amazon | Wikipedia

[Textprobe PDF] | Buchtrailer

 

Der erste Tag
»Was letzte Tage angeht, meiner war beschissen.«

Lia Kahn ist tot.
Ich bin Lia Kahn.
Deshalb – denn das ist ja wohl ein logisches Problem, das sogar ein minderbemitteltes Kind lösen könnte – bin ich tot.
Da ist nur eine Sache: Ich bin es nicht.

»Keine Angst.«

Es war die Stimme meines Vaters.
Sie war es – und war es auch nicht. Sie klang komisch. Gedämpft und blechern und gleichzeitig irgendwie zu klar und zu deutlich.
Ich hatte keine Schmerzen.
Aber ich wusste – und zwar bevor ich überhaupt begriff, was mit mir los war –, ich wusste, dass ich Schmerzen hätte haben müssen.
Etwas riss meine Augen auf. Die Welt war ein Kaleidoskop, Formen und Farben wirbelten durcheinander, sinnlos, ohne Muster, bis meine Augen schließlich ohne Vorwarnung wieder zuklappten; dann war alles vorbei. Kein Schmerz, kein Gefühl, keine Ahnung, ob ich lag oder stand. Es war nicht so, dass ich meine Beine nicht bewegen konnte. Es war nicht mal so, dass ich meine Beine nicht spüren konnte. Mit geschlossenen Augen konnte ich nicht mal sagen, ob ich überhaupt Beine hatte.
Oder Arme.
Oder irgendetwas anderes.
Ich denke, also bin ich, dachte ich in einem Anflug von Hysterie. Am liebsten hätte ich gekichert, aber ich konnte meinen Mund nicht spüren.
Ich bekam Panik.
Gelähmt.
Ich konnte mich an ein Auto erinnern. Und an ein kreischendes Geräusch, das wie ein Schrei klang, andererseits auch wieder nicht. Nicht Mensch, nicht Tier.
Und Feuer. Etwas brannte. Der Geruch von etwas Brennendem. Daran erinnerte ich mich.
Ich wollte mich nicht daran erinnern.
Ich konnte mich nicht bewegen. Ich konnte nicht sprechen. Ich konnte meine Augen nicht öffnen.
Sie wissen nicht, dass ich hier drin wach bin. In Gedanken hörte ich den hämmernden Herzschlag, den ich nicht mehr spüren konnte, fühlte, wie sich imaginäre Lungen vor Entsetzen zusammenzogen, schmeckte das Salz unsichtbarer Tränen. Sie können es einfach nicht wissen.
Für meinen Vater, für meine Mutter, die sich in meiner Vorstellung vor dem Krankenzimmer aneinanderklammerten und weinten, unfähig, hereinzukommen; für die Ärzte, die mein Vater sicherlich aus der ganzen Welt hatte einfliegen lassen; für Zoie, die eigentlich im Auto hätte sitzen sollen, die es eigentlich hätte treffen sollen –
Für sie alle schien ich bewusstlos zu sein. Ahnungslos.
Ich konnte mir vorstellen, wie die Zeit verging und die Stimme des Arztes das Schluchzen meiner Mutter übertönte. Noch immer keine Reaktion. Noch immer keine Bewegung, kein Laut, keine Augenreflexe. Noch immer kein Lebenszeichen.
Meine Augen wurden wieder geöffnet, dieses Mal für längere Zeit. Die Farben flossen ineinander, lösten sich in verschwommene Formen auf, eine Unterwasserwelt. Am oberen Rand meines Blickfeldes entdeckte ich etwas Knolliges, Fleischiges, Finger, die meine Augenlider auseinanderzerrten. Über mir schwebte eine dunkle, unscharfe Gestalt, die mit der Stimme meines Vaters sprach.
»Ich weiß nicht, ob du mich schon hören kannst.« Seine Stimme klang ruhig, seine Worte unbeholfen. »Es wird alles gut, ich verspreche es dir. Versuche, geduldig zu sein.«
Mein Vater nahm seine Hand von meinem Gesicht, meine Lider klappten wieder herunter und sperrten mich hinter einer schwarzen Wand ein. Er blieb. Ich wusste es, denn ich konnte ihn atmen hören – nur mich selbst nicht.

Was letzte Tage angeht, meiner war beschissen.
Hätte ich mir einen letzten Tag aussuchen können – einen letzten Tag, wie ich ihn wirklich verdient hätte –, wäre auf jeden Fall mehr Schokolade im Spiel gewesen. Wesentlich mehr. Dunkle. Vollmilch. Weiße. Zartbitter. Mit Olivenstückchen. Karamellgefüllt. Trüffel. Ganache. Und Käse hätte es gegeben, weich, schmelzend, die Sorte, die im ganzen Zimmer stinkt, während sie dir die Kehle hinunterrinnt. Ich hätte den ganzen Tag im Bett gelegen und all das gegessen, was ich jetzt nicht mehr essen kann, hätte die Musik gehört, die mir mittlerweile egal geworden ist, hätte gefühlt. Die kratzige Baumwolle des Bettlakens. Das Kopfkissen, bei der ersten Berührung kühl, aber nach einer Weile warm an meine Wange geschmiegt. Den Mief aus der Lüftung, der mir den Pony in die Stirn gepustet hätte. Und Walker – hätte ich gewusst, was passieren würde, dann hätte ich ihn gefragt, ob er herüberkommt. Ich hätte gesagt: »Scheiß auf meine Eltern, vergiss meine Schwester, sei einfach hier, bei mir, heute.« Ich hätte die flaumigen Haare auf seinen Armen gefühlt und die kratzigen Bartstoppeln an seinem Kinn, denn er war zu faul, sich mehr als einmal pro Woche zu rasieren, da konnte ich sagen, was ich wollte. Ich hätte seine Fingerspitzen auf meiner Haut gespürt, ein Kitzeln, ein Streicheln, so leicht, dass es fast wehtat, weil es nur versprach und nichts davon einhalten wollte. Ich hätte Pfefferminz auf seinen Lippen geschmeckt und gewusst, dass er an diesem Morgen wieder einmal den Kaugummi der Zahncreme vorgezogen hatte; ich hätte ihn dazu gebracht, seine kurzen Nägel in meine Haut zu graben, nicht nur weil ich wollte, dass er mich festhielt, sondern weil ich im letzten schönen Moment meines Lebens auch noch ein letztes Mal Schmerz hätte fühlen wollen.

Das kann einfach nicht passiert sein.
Nicht mir.

Da lag ich nun. Ich versuchte geduldig zu sein, wie mich mein Vater gebeten hatte. Ich wartete darauf aufzuwachen.
Jaja, ich weiß schon: voll das Klischee. Das muss ein Traum sein. Du redest es dir immer wieder ein, vielleicht kneifst du dich sogar, obwohl du weißt, es ist nur ein billiger Trick, denn schon der Versuch beweist schließlich, dass es kein Traum ist. In einem Traum stellst du die Wirklichkeit nie infrage. In einem Traum verschwinden Menschen, Gebäude tauchen auf, Schauplätze ändern sich, du fliegst. Du fällst. Und alles erscheint völlig logisch. Nur im Wachzustand wehrt man sich gegen seltsame Dinge.
Ich wartete also darauf, aufzuwachen.
Der große Schock: Ich wachte nicht auf.
Phase eins: Leugnen. Erledigt.
Als mein Großvater starb, hörte ich zum ersten Mal von den fünf Phasen des Trauerns. Nicht dass ich sie wirklich durchlebt hätte. Nicht dass ich wirklich um einen Typ getrauert hätte, den ich nur zweimal getroffen hatte und den mein Vater ganz offensichtlich verabscheute und von dem meine Mutter, immerhin seine einzige Tochter, behauptete, sie könne sich kaum an ihn erinnern. Sie heulte trotzdem und mein Vater ertrug es, jedenfalls ein paar Tage lang. Wir ertrugen es alle. Er schenkte ihr Blumen. Ich verdrehte nicht einmal dann die Augen, wenn sie beim Abendessen ihr Glas zum dritten Mal mit diesem nervtötenden Ach-bin-ich-ungeschickt-Kichern umwarf. Zo stöberte im Network herum und entdeckte die fünf Phasen der Trauer.
Leugnen. Wut. Verhandeln. Depression. Akzeptanz.
Da ich also tot war – genau genommen toter als tot, nämlich lebendig in einem Körper begraben, der ebenso gut ein Sarg hätte sein können, auch wenn er mir die Freuden des Erstickens verweigerte –, kam ich zu dem Schluss, dass ich ein Recht darauf hatte, zu trauern.
Nein, nicht trauern. Das war das falsche Wort.
Wut.
Ich hasste jeden. Alles. Das Auto für den Unfall. Meinen Körper dafür, dass er verbrannte und kaputtging. Zo für die Tatsache, dass sie mich an ihrer Stelle geschickt hatte. Dass sie lebte, atmete, irgendwo Partys feierte, wo keine Dunkelheit herrschte, in einem funktionierenden Körper. Ich hasste Walker dafür, dass er mich vergessen würde, für die Mädchen, mit denen er ausgehen und die er vögeln würde, und das Mädchen, mit dem er eng umschlungen im Bett liegen würde, das er in seinen Armen halten würde, während er ihr flüsternd versprach, dass sie die Einzige für ihn sei. Ich hasste die Ärzte, die ein und aus gingen, meine Augen aufrissen, mich mit ihren Stableuchten blendeten, mir zuzwinkerten, mich anstarrten und auf ein Zeichen warteten, das ich ihnen nicht geben konnte, obwohl ich die ganze Zeit innerlich schrie: Ich bin wach Ich lebe Hört ihr mich Helft mir. Am Ende würden mich die Lider wieder in die Schwärze einsperren.
Mein Vater blieb bei mir. Er war der Einzige, der mit mir redete. Es war eine endlose, monotone Litanei: Hab Geduld, Lia. Versuche, aufzuwachen, Lia. Versuche dich zu bewegen, Lia. Alles wird gut, Lia. Streng dich an, Lia. Du schaffst es. Ich wollte ihm glauben, weil ich ihm immer geglaubt hatte. Ich wollte daran glauben, dass er alles in Ordnung bringen würde, so wie er immer alles in Ordnung gebracht hatte. Ich wollte ihm glauben, aber ich konnte es nicht, und dafür hasste ich ihn am meisten.
Danach kam die Phase des Verhandelns. Es gab zwar niemanden, den ich um etwas hätte bitten können, aber ich bettelte trotzdem. Zuerst bat ich darum, einfach aufzuwachen – meine Augen öffnen, mich aufsetzen und meine Beine aus dem Bett schwingen zu können. So wie es aussah, ging dieser Wunsch nicht in Erfüllung. Also versuchte ich es mit einem Kompromiss: Lass mich bloß die Augen öffnen, mach, dass ich sprechen und mich bewegen und etwas spüren kann. Lass das hier nicht für immer sein. Lass mich wieder gesund werden.
Später, als sich immer noch nichts geändert hatte, als es immer noch keinen Hoffnungsschimmer gab: Lass mich meine Augen öffnen. Lass mich sprechen. Verschone mich.
Das war, bevor der Schmerz kam.
Genau wie die Ärzte gab er sich keine Mühe, sich langsam an mich heranzupirschen. Er explodierte einfach, eine Supernova in der Schwärze. Ich lebte in diesem Schmerz, er war alles, was ich war, er war zeitlos, er war ewig – und dann war er plötzlich vorbei.
Das war der Anfang.
Ein unglaubliches Wohlbefinden, eine Wärme breitete sich aus, sie steigerte sich zu einem Feuer, das kaum zu ertragen war. Beißende Kälte. Glühende Hitze. Elend. Eine übersprudelnde Fröhlichkeit, die sich nach Lachen sehnte. Angst – nein, nacktes Grauen. Empfindungen tauchten aus dem Nichts auf und überfluteten mich, ebenso schnell verschwanden sie wieder, ohne Grund, ohne Muster, ohne Vorwarnung. Und schließlich – er verschwand nie für lange, bevor er mir den nächsten Besuch abstattete – der Schmerz.
Ich schlief niemals. Ich konnte fühlen, wie die Zeit verging, konnte von dem, was die Ärzte sich zuraunten, darauf schließen, dass die Tage verstrichen, aber ich verlor niemals das Bewusstsein. Wenn die Wellen kamen, verlor ich die Kontrolle, ich verlor den Verstand und verlor mich selbst in bodenlosen Empfindungen, doch sosehr ich es mir auch wünschte, sie rissen mich niemals mit sich fort. In den Momenten zwischen den Wellen, wenn die dunklen Wasser ruhig und ich ich selbst war, fing ich wieder an zu verhandeln.
Lass mich schlafen.
Lass mich sterben.

»Ich mach es – aber dann schuldest du mir etwas«, hatte ich zu Zo gesagt. Bevor es passierte.
Sie hatte mich ignoriert und ihr Haar zu einem lockeren Knoten gedreht und ihn im Nacken festgesteckt. Ihre Haare waren blond, wie meine, allerdings glänzten meine, sie waren dicht und wippten auf der Schulter, wenn ich lachte. Ihre hingegen wirkten struppig und kraftlos, und egal, was sie mit ihnen anstellte, sie sahen immer ungewaschen aus. Ich habe ihr immer gesagt, dass sie ebenso hübsch wäre wie ich, doch wir kannten beide die Wahrheit.
»Vergiss es. Du schuldest mir etwas«, sagte sie schließlich und zog ein ausgeblichenes braunes Sweatshirt an, in dem sie wie eine Kartoffel aussah. Ich sagte nichts dazu. Unsere Eltern hatten sich für Mädchen entschieden, für blondes Haar, blaue Augen; für einen niedrigen Body-Mass-Index und einen einigermaßen hohen Intelligenzquotienten hatten sie sogar zusätzlich bezahlt, aber Faulheit war nicht einfach ein Gen, das man hätte eliminieren können – kein noch so bedeutender Geldbetrag konnte eine Zo garantieren, die all die genetischen Vorzüge, die man ihr mit auf den Weg gegeben hatte, schätzen würde. »Du möchtest bestimmt nicht, dass ich Dad erzähle, wo du dieses Wochenende wirklich warst, oder? Er freut sich sicher, wenn er hört, dass du den Kopf nicht in die Schulbücher gesteckt hast, wie du behauptest, sondern zwischen Walkers –«
»Ich hab dir schon gesagt, dass ich es mache, Zoie.« Sie hasste den Namen. Ich riss ihr die Schlüsselkarte aus der Hand. »Dürfte ich vielleicht erfahren, wo du dich rumtreibst, während ich für dich Windeln wechsle und Rotz abwische?«
»Nein.«
Keine von uns musste arbeiten. In Anbetracht des Bonus auf dem Konto unserer Eltern würde keine von uns beiden jemals arbeiten müssen. Aber unser Vater war ein überzeugter Anhänger von Produktivität.
»Arbeit macht frei«, pflegte er zu zitieren, als wir Kinder waren. Meine Urururgroßeltern kamen aus Deutschland.
Ich war zwölf, als ich dies eines Tages einer Lehrerin gegenüber
wiederholte. Sie gab mir eine Ohrfeige. Dann erklärte sie mir, woher der Spruch kam. Die Nazis hatten ihn den KZ-Häftlingen gepredigt. Bevor sie dafür sorgten, dass sie sich zu Tode schufteten.
»Längst vergangene Geschichte«, antwortete mein Vater, als ich ihm die Hiobsbotschaft überbrachte. »Die Verjährungsfrist für Befindlichkeiten beträgt hundert Jahre.« Er sorgte dafür, dass die Lehrerin gefeuert wurde.
Weil ich Sportlerin war, musste ich keinen Job annehmen. Eine Siegerin, bemerkte mein Vater jedes Mal, wenn ich nach einem Wettlauf einen weiteren Pokal nach Hause brachte. Eine Arbeiterin. Er kam nie zu den Wettkämpfen, aber die Pokale für den ersten Platz standen in Reih und Glied auf einem Bücherregal in seinem Büro. Die zweiten Plätze blieben in meinem Zimmer. Alle anderen wanderten in den Müll.
Zo trieb keinen Sport. Soweit ich es beurteilen konnte, hing sie den ganzen Tag mit ihren Loserfreunden auf Parkplätzen ab und dröhnte sich mit Dozers zu. Sie nahmen irgendeine neue Sorte, die stinkende Rauchwolken aufsteigen ließ, wenn man sie lutschte; auf die Art konnte man sich wie ein Retro aus den guten alten Tagen vor dem Nikotinverbot fühlen. »Erklär mir, warum es cool ist, wie Oma auszusehen«, fragte ich sie einmal.
»Ich mache Dinge nicht, weil sie cool sind«, gab Zo patzig zurück. »Dafür bist du zuständig.«
Nur um das mal festzuhalten, ich tat nichts, nur weil es cool war.
Dinge waren cool, weil ich sie tat.
Ich rannte also jeden Tag zehn Meilen, während Zo ihre von Dad verordnete Schicht in der Kindertagesstätte schob, Rotznasen abwischte und vollgeschissene Windeln wechselte; die Tage, an denen sie mich rumkriegte, für sie zu arbeiten, natürlich ausgenommen.
»Schon gut«, besänftigte ich Zo. »Aber ich schwör dir, es ist das letzte Mal.«
Es war das letzte Mal.

Das Ziel war schon im Auto einprogrammiert. Unser Vater würde abends kontrollieren, ob es das vorgegebene Ziel angesteuert hatte, er konnte jedoch nicht herausfinden, welche von uns Schwestern gefahren war. Ich gab »KinderParadies« ein und warf mich auf die Rückbank. Walker konnte es kaum erwarten, achtzehn zu werden, damit er endlich manuell fahren durfte, was ich echt nicht verstehen konnte. Es war doch viel bequemer, sich auszustrecken, während sich der Sitz meinem Körper anpasste, ein Magazin zu hören, mich mit Walker zu verlinken und ihn an die Party abends zu erinnern, durchs Network zu zappen und mich zu vergewissern, dass keiner meiner Freunde Bilder von irgendetwas gepostet hatte, was ich auf keinen Fall hätte verpassen sollen (eigentlich war das unmöglich, denn es bestand allgemeine Übereinstimmung, dass alles, was ich verpasste, sowieso nicht zählte).
An diesem Tag aber unterbrach ich den Link. Keine Chats, keine Links, keine Vids, keine Musik, absolut nichts. Stille. Ich schloss die Augen.
Dieses Gefühl hatte ich sonst nur, wenn ich schon ein paar Meilen gerannt war und die erste Welle der Erschöpfung nachgelassen hatte, wenn die Welt zusammenschrumpfte auf das Laufgeräusch meiner Füße auf dem Asphalt und das Summen in meinen Ohren und die Luft, die durch meine Lungen pfiff – es war eigentlich kein Gefühl, sondern das Fehlen eines Gefühls, das Fehlen eines Ichs. So als existierte ich nicht mehr. Jedenfalls nicht als Lia Kahn; als sei ich nur noch eine verschwommene Masse aus Armen und Beinen, Röcheln, pulsierendem Blut, bis zum Reißen angespannten Muskeln, Wind. Nur Körper, keine Gedanken. Als ich an jenem Tag mit geschlossenen Augen dort lag, hätte sich dieses Gefühl eigentlich nicht einstellen sollen, aber aus irgendeinem Grund war es da. Aus irgendeinem Grund war ich – leer. Frei von Sorgen, frei von Gedanken. Versunken in der Schwärze hinter meinen Lidern.
Als ob ein Teil von mir geahnt hätte, was passieren würde.
Als ob es mich nicht überrascht hätte, als plötzlich alles durcheinanderflog und das kreischende Geräusch von Metall auf Metall die Stille zerriss, als die Welt um mich herumwirbelte, Erde über Himmel über Erde über Himmel, und als mich schließlich ein zerbeultes Dach mit einem gewaltigen Schlag und dem Knirschen von Glas und Stahl auf den völlig ausgebrannten Boden schmetterte.
Ich erzähle den Leuten, dass ich mich nicht erinnern kann, was danach geschah. Ich erzähle ihnen, dass ich mit dem Kopf aufschlug und danach alles schwarz wurde. Sie glauben mir. Sie wollen mir glauben.
Sie wollen nichts davon hören, wie ich dort eingeklemmt lag, wie sich Metallkrallen knirschend in meine Haut gruben; die Beine taub, abwesend, als endete das Universum an meiner Taille; die Arme aus den Gelenken gerissen, verdreht, weißglühend vor Schmerz. Sie wollen nicht hören, dass hinter all dem Blut mein eines Auge blind war, das andere jedoch alles deutlich erkennen konnte: schwarzen Rauch, einen Streifen Blau durch das zerborstene Fenster, sommersprossige Haut mit roten Spritzern, das weiße Schimmern von Knochen. Ein orangefarbenes Flimmern.
Sie wollen nicht hören, wie es sich anfühlte, als ich anfing zu brennen.
Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass mein Leben im Zeitraffer vor meinen Augen ablief, als ich an jenes Bett gefesselt war. Vielleicht hätte das die ganze Sache interessanter gemacht. Ich versuchte es zu erzwingen. Ich dachte, wenn ich mich an alles erinnern könnte, was bisher in meinem Leben passiert war, an jeden einzelnen Augenblick, dann würde es sich vielleicht anfühlen, als lebte ich wieder. Wenn ich Lia Kahns Glanzmomente noch einmal durchleben würde, könnte ich immerhin ein paar Stunden totschlagen, vielleicht sogar ein paar Tage. Aber es war sinnlos. Jedes Mal begann ich mit dem ersten Ereignis, an das ich mich erinnern konnte – nämlich wie mich das schmerzhafte Piken der Lanzette bei meinem ersten morgendlichen MedCheck dazu gebracht hatte, wie am Spieß zu brüllen, weil mein kindlicher Verstand fest davon überzeugt gewesen war, die winzige Silberspitze würde mein ganzes Blut aussaugen, wie mir meine Mutter dabei über das Haar strich, mich bat, mit dem Weinen aufzuhören, und mir einen Keks, einen Lutscher, einen Welpen versprach, Hauptsache, ich würde zu heulen aufhören, bevor mein Vater kam. Ich erinnerte mich daran, wie die Tränen über mein Gesicht rannen, und an den Abscheu, der meinem Vater ins Gesicht geschrieben stand. Ich dachte darüber nach, dass tägliche MedChecks und DNA-personalisierte Medikamente uns eigentlich Gesundheit, Sicherheit und ein nahezu ewiges Leben garantieren sollten, dass dieses »Nahezu« allerdings nicht ausreichte, wenn das Navigationssystem in deinem Auto den Geist aufgab und dich in einen Laster oder gegen einen Baum rammte, dich in die Luft schleuderte und anschließend Hackfleisch aus dir machte. Immer wieder erinnerte ich mich an die Hand meiner Mutter auf meiner Stirn und fragte mich, warum ich ihre Stimme nie in meinem Zimmer hörte.
Tage vergingen.
Ich machte Listen. Von Leuten, die ich kannte. Von Leuten, die ich nicht leiden konnte. Von Wörtern, die mit dem Buchstaben Q begannen. Ich versuchte, eine Liste aller ViMs aufzustellen, die ich je besessen hatte, angefangen bei meiner allerersten pinkfarbenen VirtualMachine mit den übergroßen Knöpfen und dem kindersicheren Bildschirm bis hin zu meinem momentanen Favoriten, der neonblauen NanoViM, die man an der Kleidung befestigen konnte oder am Handgelenk oder sogar am Hintern, falls man gerade in der Stimmung war, Vids abzuspielen, während man den Gang hinuntertänzelte. Nicht dass ich das ausprobiert hätte – nach diesem einen Mal. Aber etwa bei der Hälfte der Liste wurde es immer schwammig. Es waren zu viele ViMs gewesen, um sich an jede einzelne zu erinnern, denn wenn man wie ich genügend Bonus hatte, konnte man aus fast allem einen virtuellen Computer bauen, mit dem man sich ins Network einlinkte.
Ich sang mir selbst Lieder vor. Ich übte die Verse, die ich für den Englischunterricht hatte auswendig lernen müssen, denn nach Ansicht meines Lehrers, der null Ahnung hatte, »mag das Theater tot sein, Shakespeare jedoch ist unsterblich«.
Sterben – schlafen –
nichts weiter! – Und zu wissen, daß ein Schlaf
das Herzweh und die tausend Stöße endet,
die unsers Fleisches Erbteil – ’s ist ein Ziel,
aufs innigste zu wünschen
.
Was auch immer das bedeutete. Walker hatte mit Happy Tanzen, die die Julia spielte, eine Stelle aus Romeo und Julia vorgetragen und ich fragte mich, ob Happy wohl diejenige – oder, wenn man ihre D-Körbchen mitzählte, die drei – wäre, die meinen Platz einnehmen würde.
Ich hörte den Ärzten zu und hoffte, sie würden zufällig etwas aus ihrem Privatleben ausplaudern oder wenigstens irgendetwas anderes sagen als »Deltawellen abfallend«, »Anstieg Alphafrequenz«, »Rhythmus im Normalbereich« oder einen der anderen Ausdrücke, mit denen sie ständig um sich warfen. Ich versuchte meine Arme und Beine zu bewegen; ich versuchte sie zu spüren. Wenn sie meine Augen öffneten, merkte ich, dass ich auf dem Rücken lag. Das hieß, unter mir mussten ein Bett und irgendwelche Laken sein. Also versuchte ich mir vorzustellen, dass meine Finger auf der kratzigen Baumwolle lagen. Aber je mehr Zeit verging, umso weniger konnte ich mir vorstellen, dass ich überhaupt Finger hatte. Soweit ich es beurteilen konnte, hatte ich keine.
Ich gab jeden Versuch auf.
Ich hörte auf zu denken. Ich schwebte in einer grauen Wolke durch die Tage, wach und doch nicht wach, reglos, aber gleichgültig.
Als es schließlich passierte, geschah es ohne mein Zutun. Ich hatte es nicht versucht. Mir war nicht einmal klar, was ich da eigentlich tat. Es passierte einfach. Augen geschlossen, Augen geschlossen, Augen geschlossen –
Augen geöffnet.
Jemand schrie, vielleicht einer der Ärzte, vielleicht mein Vater, ich konnte es nicht unterscheiden, denn ich starrte an die graue Decke, aber ich hatte es getan, ich hatte irgendwie meine Augen selbstständig geöffnet und sie blieben geöffnet.
Noch etwas anderes bewegte sich. Ein Arm.
Mein Arm. Für einen Augenblick vergaß ich in dieser Welle grenzenloser Erleichterung alles andere: mein Arm. Unversehrt. Ich konnte ihn nicht fühlen, unternahm auch keinen Versuch, ihn zu bewegen, aber ich sah ihn. Sah, wie er durch mein Blickfeld nach oben schnellte und schließlich mit einem dumpfen Schlag hart aufs Bett zurückfiel. Dann der andere Arm. Hoch. Runter. Dumpfer Schlag. Und meine Beine … Es mussten meine Beine gewesen sein. Ich konnte sie nicht fühlen, ich konnte sie auch nicht sehen, aber ich hörte, wie sie auf die Matratze knallten, wie Trommelschläge, bumm, bumm, bumm. Mein Hals bog sich nach hinten und die Decke begann sich zu drehen, ich flog, und schließlich ein dumpfes Geräusch, laut, als poltere ein Körper auf den Boden. Klong, klong, klong, als mein Kopf auf die Fliesen knallte, immer und immer wieder aufprallte. Es verursachte viel Krach, aber es tat nicht weh. Und dann stürmten zwei Füße auf mich zu und ich wollte eigentlich nur wieder reglos im Dunkeln liegen, aber nun konnte ich meine Augen nicht mehr schließen. Zwei dickliche weiße, weiche Hände packten meinen Kopf und hielten ihn fest, und zum ersten Mal, seitdem ich aufgewacht war, kam alles zum Stillstand.
Schlafen. Vielleicht auch träumen.

© 2010, by Robin Wasserman. | Deutsche Übersetzung: Claudia Max.

Online- Publikation der übersetzten Textauszüge mit freundlicher Genehmigung des script 5.
Publication of translated excerpts by courtesy of the script 5.