Jenn Bennett, Unter dem Zelt der Sterne

[...] Schließlich stehe ich in der Abteilung für Trekkingausrüstung. Mir fällt ein Schild ins Auge, das für Bärenkanister wirbt. [...] »Du hast einen, oder?«, fragt eine tiefe Stimme. Neben mir taucht wie aus dem Nichts Lennon auf.
»Hey, musst du dich so an Leute heranschleichen?«, beschwere ich mich leise. »Was soll ich haben?«
Lennon deutet auf ein Holzfach an der Wand. Seine Kleider verströmen einen angenehmen Geruch. »Einen Bärenkanister.«
»Was soll ich denn damit?«
»Dein Essen darin aufbewahren, du Stadtpflanze.« [...]
Er balanciert in einer Hand den Fudge und nimmt mit der anderen einen fassförmigen schwarzen Kanister vom Regal und klappt den mit einer Lasche befestigten Deckel hoch. »Bärenkanister, um dein Essen zu verstauen. Bären sind in der Lage, Essen aus vielen Meilen Entfernung zu riechen. Echt kein Witz. Sie reißen Türen von Hütten heraus oder zerschlagen Autofenster, um da heranzukommen. Du musst alles in einem dieser Dinger aufbewahren. Essen. Waschzeug. Alles, was stark riecht, wie Bretts Parfüm.«
[...] »Der Zeltplatz wird schon wissen, wie sie Bären vom Essen fernhalten«, widerspreche ich Lennon.
»Genau deshalb ist auch kein Essen in den Zelten erlaubt, es sei denn, es ist in einem Kanister verstaut«, sagt er und das Wachspapier knistert, als er es für den nächsten Bissen Fudge zurückschiebt. Ich halte ein unsichtbares Handy hoch und tue, als würde ich hineinsprechen. »Hey, Siri, redet Lennon da gerade Quatsch? Wie? Ah, dachte ich es mir doch. Super. Danke.«
»Hey, Siri? Stimmt das, was ich gerade gesagt habe?«, fragt er und spielt mit. Er tut, als warte er auf eine Antwort, dann spricht er in den Bärenkanister. »Aber ja, Lennon. Genau so ist es. Ihr seid hier in einem Bärengebiet. Essen ungeschützt aufzubewahren verstößt gegen das Gesetz.«
»Das Gesetz klingt total an den Haaren herbeigezogen«, sage ich.
»Hast du die Regeln nicht gelesen?«
Welche Regeln?

© Jenn Bennett, Unter dem Zelt der Sterne. Carlsen Verlag, 2018. Übersetzung Claudia Max.

[...] Nach dem Einchecken bringt uns Candy nach einer kurzen Campingplatzführung zu unseren hausähnlichen Luxuszelten und beantwortet unsere Fragen. [...] Die Zelte sind absolut identisch: Betonböden, ein mit Lein- wand bespannter Holzrahmen, eine Tür mit Fliegengitter, Lamellenfenster, die tagsüber dafür sorgen, dass Luft hereinkommt, sich aber nachts schließen lassen, um zusammen mit einem Kaminofen das Zelt warm zu halten. Am Ofen ist eine kleine Sitz- ecke mit einem richtigen Sofa und bunt gemusterten Navajo- Teppichen. Im hinteren Teil des Zelts stehen zwei Etagenbetten mit Polsterauflagen auf den Matratzen, edler Leinenbettwäsche und dicken, fluffigen Kopfkissen.
Hinter den Etagenbetten befinden sich, durch eine Leinwand abgetrennt, eine Toilette und ein Waschbecken. Keine Dusche. Die sind im Badehaus den Hügel hinunter und werden, so erklärt Candy, mit sechs weiteren Hütten von Camp Eule geteilt.
Sie erklärt auch noch ein paar andere Sachen. »Ihr befindet euch auf Bärenterritorium und ja, sie haben es schon durch den Zaun des Nationalparks geschafft und sind auf den Zeltplatz eingedrungen. Lebensmittel müssen, wenn sie nicht gerade serviert oder verzehrt werden, zur allgemeinen Sicherheit in den abschließbaren Vorratsboxen aufbewahrt werden«, sagt sie und deutet durch die Tür auf den grünen Metallkasten, der unter dem Vordach neben zwei Schaukelstühlen montiert ist. »Entweder dort oder in tragbaren Bärenkanistern, die vom Yosemite oder King’s Forest anerkannt werden.« [...]

© Jenn Bennett, Unter dem Zelt der Sterne. Carlsen Verlag, 2018. Übersetzung Claudia Max.

[...] Er presst kurz die Lippen zusammen, dann fügt er hinzu: »Wir schaffen das, versprochen. Solange wir die Regeln einhalten, sollten wir auch keine Probleme mehr mit Bären haben. Es wird sicherer sein als drei Tage in der Zivilisation. Es ist wahrscheinlicher, bei einem Autounfall zu sterben, als in einem Nationalpark.«
»Schön, dass du den Tod ins Spiel bringst«, sage ich trocken. »Hatte ich ganz vergessen, aber jetzt ist es mir wieder voll bewusst, danke.« [...]

© Jenn Bennett, Unter dem zelt der Sterne. Carlsen Verlag, 2018. Übersetzung Claudia Max.

»Mom meinte, wir dürfen alles kaufen, es muss nur aus diesem Laden sein«, sagt Reagan und wirft mit einem verschmitzten Lächeln den hellbraunen Pferdeschwanz über die Schulter. »Das wird sie noch bereuen. Abgesehen davon hat mein Vater gerade einen Haufen Kohle an der Börse gescheffelt. Was glaubst du, warum meine Eltern plötzlich beschlossen haben, in die Schweiz zu fliegen? Ein paar Rucksäcke können sie locker verschmerzen.«
»Im Wagen liegen schon vier«, gebe ich zu bedenken.
[...] »Ich dachte, wir machen Glamping«, wende ich ein. »Deine Mutter hat meiner Mutter erzählt, für Zelte und Mahlzeiten sei gesorgt.«
Reagan schiebt den Wagen in eine Nische mit Outdoor-Klamotten. »Das stimmt, ich war letztes Jahr an meinem sechzehnten Geburtstag dort. Und die Jurten dort sind echt nice.«
»Joghurt?«
»Jurte«, wiederholt sie besonders deutlich und tut, als wolle sie mit den Zähnen nach meiner Nase schnappen. »Das sind riesige runde Zelte, in denen man eine fette Party feiern könnte. Wie dem auch sei, die Zelte heute kaufen wir nur für unseren Ausflug in die Wildnis.«
Das verheißt nichts Gutes. »Davon weiß ich noch gar nichts.«
»Wir laufen bloß ein bisschen, Zorie. Das schafft jeder.«
[...] »Du hast vor, in der Wildnis zu zelten? Zwischen wilden Tieren und so?«
»Im King’s Forest gibt es zig Zeltplätze. Bestimmt übernachten wir auf einem davon«, versichert sie mir. »Das nehme ich zumindest an. Ich habe bloß gehört, dass unser Ziel ein paar Stunden Fußweg von dem Glampingplatz entfernt ist. Irgendwelche durchschnittlichen Pseudo-Wanderer aus dem Silicon Valley kennen es natürlich nicht. Wir werden abseits der üblichen Trampelpfade laufen, Schätzchen.«
Das klingt ungut.
»Wir können so viel Krach machen, wie wir wollen, ohne dass uns ein Ranger ermahnt, leiser zu sein«, verkündet Reagan lauthals. »Die Leute von dem Glampingplatz sind nett, aber sie kennen meine Eltern. Bei ihnen können wir nicht richtig eskalieren, verstehst du? Ich kann gut darauf verzichten, dass alles brühwarm an meine Eltern weitergetragen wird. [...] Wenn wir erst mal aus dem Tourigebiet raus sind ... kommt sowieso das Beste. Nicht weit vom Glampingplatz gibt es einen fantastischen verborgenen Wasserfall im King’s Forest. Den muss man echt gesehen haben. Hast du eine Vorstellung, wie viele Leute im Internet berühmt werden, weil sie den Arsch in der Hose haben, an wirklich coole Orte zu fahren und dort Fotos zu machen?«

[...] »Wie sieht es mit einer Camping-Genehmigung im King’s Forest aus?«, erkundigt sich Lennon. »Auf Ihrer Website bieten Sie an, sie zu besorgen und beim Zelt vorbeizubringen.«
»Gegen eine Gebühr«, sagt Candy. »Wir müssen sie bei einer Station im Park abholen.«
»Buchen Sie es auf meine Kreditkarte«, sagt Reagan lässig.
Candy wirft ihr einen vernichtenden Blick zu. »Du kannst jederzeit an der Rezeption vorbeikommen und das Formular ausfüllen.«
Autsch.

© Jenn Bennett, Unter dem Zelt der Sterne. Carlsen Verlag, 2019. Übersetzung Claudia Max.

Auf den Spuren von Jenn Bennetts Unter dem Zelt der Sterne ...

Olympic Forest, 19.08.2019