Elizabeth Chandler | Kissed by an Angel

Aus dem Amerikanischen von Claudia Max.
ab 14 | erschienen Juni 2011, Loewe Verlag | 256 Seiten | ISBN 978-3-7855-7360-0

Keywords: Fantasy, Liebesgeschichte, Coming of Age, Jugendliteratur

Inhalt: Ivy und Tristan sind das Traumpaar der High School – bis sie eines Tages zum romantischen Abendessen aufbrechen und einen Unfall haben. Als Tristan im Krankenhaus zu sich kommt, spürt er schnell, dass etwas mit ihm anders ist als vorher. Niemand im Krankenhaus nimmt ihn wahr, als er durch die Gänge läuft, niemand hört, was er sagt. Er gleitet durch Wände, kann durch andere Menschen hindurchgehen. Er ist ein Engel geworden. Ivy hingegen überlebt und versucht ihr Leben weiterzuleben, auch wenn der Verlust von Tristan für sie kaum zu ertragen ist. Schon bald wird Tristan klar, dass der Unfall kein Unfall, sondern ein Komplott war. Als Engel wacht er über die geliebte Ivy und versucht herauszufinden, wer ihr den Tod gewünscht haben könnte.

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[Textprobe PDF] | Buchtrailer

»Ivy?«, flüsterte er.
Sie presste den Mund auf seinen
Hals.
Gleichzeitig streckten sie die Hand nach dem Türgriff
aus und öffneten die hintere Autotür …
»Ich hätte nie gedacht, dass eine Rückbank so romantisch
sein kann«, sagte Ivy, lehnte sich zurück und lächelteTristan
an. Dann sah sie auf den am Boden liegenden
Müll. »Vielleicht nimmst du deine Krawatte mal lieber
aus diesem gammligen Burger-King-Becher.«
Tristan griff nach unten und schnitt eine Grimasse. Er
warf das tropfende Teil auf den Vordersitz und rückte
neben Ivy.
»Aua!« Der Geruch zerdrückter Blumen breitete sich
aus.
Ivy lachte los.
»Was ist daran denn so lustig?«, fragte Tristan und zog
die zerquetschten Rosen hervor, aber auch er musste lachen.
»Wenn jetzt jemand vorbeigekommen wäre und den
Kirchenaufkleber deines Vaters auf der Stoßstange erkannt
hätte?«
Tristan warf die Blumen auf den Vordersitz und zog
Ivy wieder an sich. Er strich über den Seidenträger ihres
Kleides, dann küsste er sie zärtlich auf die Schulter.
»Dem hätte ich erzählt, dass ich mit einem Engel zusammen
bin.«
»Toller Spruch!«
»Ivy, ich liebe dich«, sagte Tristan und wurde plötzlich
ernst.
Sie starrte ihn an und biss sich auf die Lippe.
»Das ist kein Spiel für mich. Ich liebe dich, Ivy Lyons,
und eines Tages wirst du es mir glauben.«
Sie schlang die Arme um ihn und hielt ihn fest. »Ich
liebe dich, Tristan Carruthers«, flüsterte sie kaum hörbar
in seinen Nacken. Ivy glaubte ihm und sie vertraute ihm,
wie sie sonst niemandem vertraute. Sie wusste, eines Tages
hätte sie den Mut, ihm noch viel mehr zu sagen, laut
und deutlich. Ich liebe dich, Tristan. Sie würde es aus
dem Fenster rufen und ein Transparent quer über das
Schwimmbecken in der Schule spannen.
Sie brauchten beide einen Moment, bis sie ihre Kleider
wieder halbwegs in Ordnung gebracht hatten. Ivy
musste erneut lachen. Tristan lächelte und sah ihr bei
dem Versuch zu, ihre verstrubbelten blonden Haare zu
bändigen – eine sinnlose Anstrengung.
»Letzter Blick auf den Fluss«, sagte er, nachdem sie
wieder losgefahren waren. Dann bog er von dem holprigen
Waldweg auf die schmale Landstraße.
Die Strahlen der Junisonne fielen auf die Westseite
der Hügel von Connecticut und tauchten die Baumwipfel
in goldenes Licht. Die gewundene Straße verschwand
in einem Tunnel aus Ahorn, Pappeln und Eichen.

Ivy hatte das Gefühl, zusammen mit Tristan unter
Wasser zu tauchen. Die untergehende Sonne glitzerte
herrlich über ihnen, während sie durch die Schlucht aus
Blau, Purpur und Dunkelgrün glitten. Tristan schaltete
die Scheinwerfer an.
»Du kannst dir wirklich Zeit lassen«, sagte Ivy, »ich bin
nicht mehr hungrig.«
»Hab ich dir den Appetit verdorben?«
Sie schüttelte den Kopf. »Vermutlich bin ich einfach
satt vor Glück«, sagte sie leise.
Der Wagen jagte die Straße hinunter und ging scharf
in die Kurve.
»Wir müssen uns wirklich nicht beeilen.«
»Das ist komisch«, murmelte Tristan. »Ich frag mich,
was das –« Plötzlich sah er zu seinen Füßen. »Das fühlt
sich nicht …«
»Fahr langsamer, ja? Es ist egal, wenn wir ein bisschen
später – Vorsicht!« Ivy deutete nach vorn. »Tristan!«
Etwas war aus dem Gebüsch auf die Straße gesprungen.
Sie hatte nicht gleich erkannt, was es war, sondern
nur eine schnelle Bewegung in der aufziehenden Dunkelheit
wahrgenommen. Plötzlich blieb der Hirsch stehen.
Er drehte den Kopf, seine Augen starrten in die
hellen Scheinwerfer des Wagens.
»Tristan!«
Sie rasten auf die glänzenden Augen zu.
»Tristan, siehst du das nicht?«
Sie rasten immer weiter.
»Ivy, irgendwas –«
»Ein Hirsch!«, rief sie.
Die Augen des Tieres funkelten. Plötzlich blitzte hinter
dem Hirsch ein heller Lichtkegel auf und man sah
nur noch seine Silhouette. Aus der anderen Richtung
kam ein Auto. Sie waren von Bäumen eingeschlossen
und konnten weder links noch rechts ausweichen.
»Halt an!«, schrie sie.
»Ich –«
»Halt an, warum hältst du nicht an?«, flehte sie. »Tristan,
halt an!«

– 13 –

Als Tristan aufwachte, versuchte er, sich zu
erinnern, welcher Wochentag war und was er den Teilnehmern
des Ferienschwimmkurses an diesem Tag beibringen
wollte. Dem Dämmerlicht in seinem Zimmer
nach zu urteilen war es noch zu früh, um aufzustehen
und sich für die Arbeit anzuziehen. Während er sich zurücklehnte,
dachte er an Ivy – Ivy mit offenem Haar.
Nach einer Weile nahm er die Schritte auf dem Flur
wahr und das Geräusch von etwas, das vorbeigeschoben
wurde.
Er sprang auf. Was machte er hier – auf dem Boden in
einem Krankenhauszimmer bei einem Mann, den er
noch nie zuvor gesehen hatte? Der Mann gähnte und
sah sich um. Tristans Anwesenheit schien ihn nicht im
Geringsten zu überraschen; er benahm sich, als sähe er
ihn überhaupt nicht.
Dann fiel Tristan wieder der Unfall ein, die Fahrt im
Krankenwagen, die Worte der Sanitäterin. Er war tot.
Doch er konnte denken. Er konnte andere Leute beobachten.
War er ein Geist?
Tristan erinnerte sich an die alte Dame. Sie hatte behauptet,
sie sähe sein Licht. Wahrscheinlich hatte sie
deshalb gedacht, er sei ein …
»Nein, auf keinen Fall.« Er sagte es laut, aber der Mann
hörte es nicht. »Das kann einfach nicht sein.«
Was immer er auch war, er konnte immerhin lachen.
Er lachte und wurde fast hysterisch dabei. Und er weinte
auch.
Plötzlich öffnete sich hinter ihm die Tür. Tristan beruhigte
sich, aber es machte keinen Unterschied. Die
Schwester, die hereingekommen war, nahm ihn nicht
wahr, obwohl sie so dicht neben ihm stand, dass ihr Ellbogen
sich durch seinen schob, während sie das Krankenblatt
des Mannes ausfüllte. »9. Juli, 3:45 Uhr«, las
Tristan ab.
Neunter Juli? Das konnte nicht sein! Es war Juni gewesen,
als er Ivy zum letzten Mal gesehen hatte. War er
zwei Wochen lang bewusstlos gewesen? Würde er wieder
das Bewusstsein verlieren? Warum war er bei Bewusstsein,
warum war er überhaupt da?
Er dachte an die alte Frau, die ihre Hand nach ihm
ausgestreckt hatte. Warum hatte sie ihn bemerkt, während
die Krankenschwester und die anderen ihn nicht
sahen? Ob Ivy ihn wohl sehen würde?
Tristan schöpfte Hoffnung. Wenn er Ivy finden konnte, bevor
er wieder in der Dunkelheit versank, hätte er eine
Chance, sie von seiner Liebe zu überzeugen. Denn er
würde sie immer lieben.
Die Krankenschwester verließ das Zimmer und zog
die Tür hinter sich zu.
Tristan wollte sie öffnen, aber seine Hand griff durch
die Türklinke. Er versuchte es immer wieder. Doch seine
Hände hatten nicht mehr Kraft als Schatten. Nun musste er warten,
bis die Schwester wiederkam.
Er wusste nicht, wie lange er bei Bewusstsein bliebe oder
ob er sich, wie die Geister in alten Märchen, im Morgengrauen
auflösen würde.
Er versuchte, sich daran zu erinnern, wie er es bis in
dieses Zimmer geschafft hatte, und stellte sich die Korridore
vor, durch die er von der Notaufnahme aus gelaufen
war. Er sah deutlich die Ecke vor sich, an der der
Pfleger durch ihn hindurchgegangen war. Kaum hatte
er das gedacht, bewegte er sich durch die Flure zu dieser
Stelle. Das war offensichtlich der Trick: Er musste sich
einen Weg im Kopf vorstellen und sich dann auf sein
Ziel konzentrieren.
Bald stand er draußen auf der Straße. Er hatte nicht
bedacht, dass er sich ja im Kreiskrankenhaus befand
und irgendwie nach Stonehill zurückmusste. Er war die
Strecke jedoch oft gefahren, um seine Eltern abzuholen.
Der Gedanke an sie ließ ihn innehalten. Er dachte an
seinen Vater auf der Unfallstation, wie er sich über ihn
gebeugt und geweint hatte. Tristan hätte ihm so gern
versichert, dass alles in Ordnung war, aber er wusste
nicht, wie viel Zeit ihm blieb. Seine Eltern hatten einander;
Ivy war allein.
Als er an Ivys Haus ankam, wurde der Nachthimmel
langsam hell. Im Westflügel schimmerten schwach zwei
helle Rechtecke. Andrew arbeitete anscheinend in seinem
Büro. Tristan lief ums Haus und sah, dass die beiden
Glastüren offen standen, um die kühle Nachtluft
hereinzulassen. In Gedanken versunken saß Andrew an
seinem Schreibtisch. Tristan schlüpfte unbemerkt hinein.
Andrews Aktenkoffer stand offen und überall lagen
Unterlagen mit dem Collegewappen. Vor Andrew auf
dem Schreibtisch lag jedoch der Polizeibericht. Schlagartig
wurde Tristan bewusst, dass es der offizielle Bericht
über seinen und Ivys Unfall sein musste. Daneben lag
ein Zeitungsartikel über sie beide.
Die gedruckten Wörter hätten ihm seinen Tod greifbarer
machen sollen, aber das Gegenteil war der Fall: Sie
ließen Dinge, die einmal wichtig gewesen waren – sein
Aussehen, seine Schwimmrekorde, seine Schulleistungen –,
bedeutungslos und klein erscheinen. Nur Ivy war
noch wichtig für ihn.
Sie musste erfahren, dass er sie liebte und sie immer
lieben würde.
Er überließ Andrew seinen Grübeleien, auch wenn er
nicht verstehen konnte, warum Ivys Stiefvater sich so
für die Einzelheiten des Berichts interessierte, und ging
die Hintertreppe hinauf. Er schlüpfte an Gregorys
Zimmer vorbei, das über dem Büro lag, und lief über die
Galerie, die zu Ivys Zimmer führte. Er konnte es kaum
erwarten, sie zu sehen, konnte kaum erwarten, dass sie
ihn sah. Er zitterte, wie er vor ihrer ersten Schwimmstunde
gezittert hatte. Ob sie wohl miteinander reden
konnten?
Wenn ihn überhaupt jemand sehen und hören konnte, dann
Ivy – ihr Glaube war so stark! Tristan konzentrierte
sich auf ihr Zimmer und schlüpfte durch die Wand.
Ella setzte sich augenblicklich auf. Sie hatte auf dem
Bett gedöst und ihr dichtes schwarzes Fell schmiegte
sich an Ivys blonden Kopf. Jetzt starrte sie ihn, beziehungsweise
die Leere, verständnislos an – für Katzen ist
das normal, dachte Tristan. Doch als er zur anderen Seite
von Ivys Bett lief, folgten ihm Ellas grüne Augen.
»Ella. Was siehst du, Ella?«, fragte er ruhig.
Die Katze fing zu schnurren an und er lachte.
Er stand jetzt neben Ivy. Das Haar fiel ihr ins Gesicht.
Er versuchte, es wegzustreichen. Mehr als alles andere
sehnte er sich danach, ihr Gesicht zu sehen, aber seine
Hände waren nutzlos.
»Wenn du mir doch helfen könntest, Ella«, meinte er.
Die Katze lief über die Kissen auf ihn zu. Er blieb ganz
ruhig stehen und überlegte, was sie wohl sah. Ella kam
näher, als wollte sie sich an seinem Arm reiben. Sie
kippte um und jaulte.
In diesem Moment rührte sich Ivy. Leise flüsterte er
ihren Namen.

Ivy drehte sich auf den Rücken, und er dachte, sie
würde ihm antworten. Ihr Gesicht glich einem entrückten
Mond, schön, aber bleich. Ihre blonden Wimpern
leuchteten und ihre langen Haare umkränzten ihr Gesicht
wie Strahlen.
Ivy runzelte die Stirn. Er hätte gern ihre Sorgenfalten
weggestreichelt, aber er konnte nicht. Plötzlich warf sie
sich hin und her.
»Wer ist da?«, fragte sie. »Wer ist da?
Er beugte sich über sie. »Ich bin's, Tristan.«
»Wer ist da?«, fragte sie wieder.
»Tristan!«
Die Falte auf ihrer Stirn wurde tiefer. »Ich kann nichts
sehen.«
Er versuchte, ihr die Hand auf die Schulter zu legen,
und wünschte sich, sie würde aufwachen, denn dann
würde sie ihn bestimmt sehen und hören. »Ivy, sieh mich
an. Ich bin hier!«
Für einen Augenblick öffnete sie die Augen und blinzelte,
dann veränderte sich ihr Gesichtausdruck: Furcht
überkam sie. Sie fing an zu schreien.
»Ivy!«
Sie hörte nicht auf zu schreien.
Er versuchte, sie festzuhalten, und schlang die Arme
um sie, aber sein Körper schlüpfte durch ihren hindurch.
Er konnte sie nicht trösten.
Die Zimmertür flog auf und Philip stürmte herein,
Gregory folgte ihm auf den Fersen.

»Wach auf, Ivy, wach auf!« Philip schüttelte sie. »Komm
schon, Ivy, bitte.«
Nun waren ihre Augen weit aufgerissen. Sie sah zu
Philip, dann wanderte ihr Blick durchs Zimmer. Doch
sie nahm nicht wahr, dass Tristan neben ihr stand, sondern
schaute durch ihn hindurch.
Gregory legte Philip vorsichtig eine Hand auf die
Schulter und schob ihn sachte zur Seite. Dann setzte er
sich aufs Bett und zog Ivy an sich. Tristan sah, dass sie
zitterte.
»Alles wird gut«, beruhigte Gregory sie und strich ihr
das Haar zurück. »Es war nur ein Traum.«
Ein schrecklicher Traum, dachte Tristan bitter. Und er
konnte Ivy
nicht helfen, konnte sie nicht trösten.
Gregory schon. Tristan spürte, wie Eifersucht in ihm
aufstieg.
Er konnte nicht ertragen, sie in Gregorys Armen zu
sehen.
Gleichzeitig konnte er nicht ertragen, dass Ivy so verängstigt
und durcheinander war. Auf einmal durchflutete
ihn auch eine Art Dankbarkeit für Gregory und sie
war für einen Moment genauso stark wie seine Eifersucht.
Doch dann siegte wieder die Eifersucht. Tristan
fühlte,wie die widerstreitenden Gefühle ihn schwächten.
Schließlich kehrte er den dreien den Rücken zu und
ging zu den Engeln, die in Ivys Regal standen. Ella folgte
ihm vorsichtig.

»Ging es in deinem Traum um den Unfall?«, fragte Philip.
Ivy nickte, dann ließ sie den Kopf sinken und strich
immer wieder über die zerknitterten Laken.
»Willst du darüber reden?«, fragte Gregory.
Ivy versuchte zu sprechen, dann aber schüttelte sie den
Kopf und machte eine abwehrende Handbewegung.
Tristan bemerkte die gezackten Narben auf ihrem Arm,
die wie die Spuren von Blitzeinschlägen aussahen. Für
einen Moment spürte er, wie sich die Dunkelheit wieder
anschlich, aber er drängte sie zurück.
»Ich bin hier, alles ist gut«, sagte Gregory und wartete
geduldig.
»Ich … ich hab auf ein Fenster gestarrt«, fing sie an.
»Ich sah einen Schatten, aber ich war mir nicht sicher,
wer oder was es war. Ich habe ›Wer ist da?‹ gerufen.«
Tristan beobachtete sie durch den Raum hinweg, ihr
Schmerz und ihre Angst bedrückten ihn.
»Ich dachte, vielleicht ist es jemand, den ich kenne«,
redete sie weiter. »Der Schatten sah irgendwie vertraut
aus. Also ging ich immer näher heran. Aber ich konnte
nichts erkennen.« Sie hielt inne und sah sich im Zimmer
um.
»Du konntest also nichts erkennen«, half ihr Gregory weiter.
»Auf der Scheibe waren noch andere Bilder, Spiegelbilder,
die mich verwirrten. Ich ging näher ran. Mein
Gesicht berührte fast die Scheibe. Plötzlich zerbarst sie!

Und der Schatten verwandelte sich in einen Hirsch. Er
krachte durch die Scheibe und rannte davon.«
Sie redete nicht weiter. Gregory umfasste ihr Kinn,
hob ihr Gesicht und sah ihr tief in die Augen.
Tristan rief nach ihr. »Ivy! Ivy, sieh mich an«, bat er.
Doch sie erwiderte Gregorys Blick, ihr Mund zitterte.
»Endet der Traum damit?«, fragte Gregory.
Sie nickte.
Gregory fuhr ihr sanft mit dem Handrücken über die
Wange.
Tristan wollte, dass jemand sie tröstete, aber –
»An mehr kannst du dich nicht erinnern?«, fragte Gregory.
Ivy schüttelte den Kopf.
»Mach die Augen auf, Ivy! Sieh mich an!«, rief Tristan
ihr zu.
Dann bemerkte er Philip, der die Engelsammlung anstarrte
– vielleicht auch ihn; er war sich nicht sicher.
Tristan legte die Hand um den Wasserengel. Wenn er
doch einen Weg fände, ihn Ivy zu geben! Wenn er ihr
irgendein Zeichen geben könnte –
»Komm her, Philip«, sagte Tristan. »Hol die Figur und
bring sie Ivy.«
Philip bewegte sich wie von einem Magnet angezogen
auf die Regale zu. Als er nach dem Engel griff, berührte
er Tristans Hand.
»Sieh mal!«, rief Philip. »Sieh mal!«
»Was ist denn?«, fragte Ivy.

»Dein Engel, er schimmert.«
»Philip, nicht jetzt«, bremste ihn Gregory.
Philip nahm den Engel vom Regal.
»Möchtest du ihn in deinem Bett haben, Ivy?«
»Nein.«
»Vielleicht verscheucht er die schlimmen Träume«,
beharrte er.
»Es ist bloß eine Figur«, sagte sie müde.
»Aber wir können unser Gebet aufsagen, das wird der
echte Engel hören.«
»Es gibt keine echten Engel, Philip! Verstehst du das
nicht? Wenn es sie gäbe, hätten sie Tristan gerettet!«
Philip berührte die Flügel der Figur. Er betete leise
und starrsinnig: »Engel des Lichts, Engel im Himmel,
wach über mich heute Nacht. Wach über alle, die ich
lieb habe.«
»Sag ihr, dass ich hier bin, Philip«, bat Tristan. »Sag ihr,
ich bin bei ihr.«
»Sieh mal, Ivy!« Philip zeigte auf die Figuren, neben
denen Tristan stand. »Sie schimmern!«
»Jetzt reicht's, Philip!«, unterbrach ihn Gregory streng.
»Geh ins Bett.«
»Aber –«
»Auf der Stelle!«
Als Philip an ihm vorbeilief, streckte Tristan die Hand
aus, doch der kleine Junge ergriff sie nicht. Aus seinem
Blick sprach Verwunderung, er schien ihn nicht zu erkennen.
Was konnte Philip sehen?, fragte sich Tristan. Vielleicht
dasselbe wie die alte Frau: Licht, irgendein Schimmern,
aber keine Gestalt.
Er spürte, wie ihn die Dunkelheit wieder überkam.
Tristan kämpfte dagegen an. Er wollte bei Ivy bleiben.
Er ertrug es nicht, sie vor Gregory zu verlassen.
Was, wenn er sie zum letzten Mal sah? Was, wenn er
Ivy für immer verlor? Er wehrte sich verzweifelt gegen
die Dunkelheit, aber sie hüllte ihn wie ein schwarzer
Nebel von allen Seiten ein – von vorn, von hinten, von
oben, und irgendwann gab er auf.

– 14 –

Als Tristan aus dem traumlosen Dunkel
erwachte, schien die Sonne hell durch Ivys Fenster. Ihre
Laken waren glatt gestrichen, darauf lag ein dünnes Federbett.
Ivy war nicht mehr da.
Zum ersten Mal seit dem Unfall sah Tristan Tageslicht.
Er lief zum Fenster und staunte über die Zeichen des
Sommers, die vielfältigen Formen der Blätter und wie
der Wind durch das Gras strich und eine grüne Woge
über den Bergkamm schickte. Der Wind. Obwohl sich
die Vorhänge bauschten, konnte Tristan die Kühle des
Windes nicht spüren. Obwohl das Zimmer sonnendurchflutet
war, konnte er die Wärme nicht spüren.
Ella konnte alles fühlen. Die Katze lag ausgestreckt auf
einem von Ivys T-Shirts in einem Fleckchen Sonne. Sie
begrüßte Tristan, indem sie ein Auge öffnete und leise
schnurrte.
»Hier liegt nicht viel schmutzige Wäsche für dich rum,
was?«, fragte er und dachte daran, wie die Katze immer
auf seine stinkigsten Socken und Trainingssachen abgefahren
war.
Die Stille im Haus ließ ihn leise sprechen, auch wenn
er wusste, dass selbst wenn er noch so laut brüllte – laut
genug, um Tote aufzuwecken, wie man so sagte –, ihn
trotzdem keiner hören würde.
Die Einsamkeit war überwältigend. Tristan hatte Angst,
dass er für immer so allein sein würde, dass er umherwandern
und von niemand bemerkt, gehört oder als
Tristan wahrgenommen werden würde. Warum hatte er
die alte Dame aus dem Krankenhaus nach ihrem Tod
nicht mehr gesehen?
Wo war sie hingegangen?
Tote Menschen kamen auf den Friedhof, dachte er, als
er über den Flur zu den Treppen ging. Dann blieb er wie
angewurzelt stehen. Er hatte irgendwo ein Grab! Wahrscheinlich
neben dem seiner Großeltern. Er eilte die
Treppenstufen hinunter, neugierig, was sie wohl mit
ihm gemacht hatten. Vielleicht würde er auch die alte
Frau finden, oder jemanden, der kürzlich gestorben war
und das alles verstand.
Als kleiner Junge war Tristan mehrmals auf dem Friedhof
Riverstone Rise gewesen. Er hatte ihn nie als traurigen
Ort empfunden, vielleicht deshalb, weil die Gräber
seiner Großeltern seinen Vater immer inspiriert
hatten, Tristan interessante und lustige Geschichten
über sie zu erzählen. Seine Mutter hatte währenddessen
Unkraut gezupft und das Grab bepflanzt. Tristan war
herumgerannt, auf Grabsteine geklettert, hatte Weitsprung
über die Gräber geübt und den Friedhof als
Spielplatz und Hindernisstrecke genutzt. Doch das
schien ewig her zu sein.
Es war komisch, jetzt durch die großen Eisentore zu
schlüpfen – Tore, auf denen er früher wie ein kleiner
Affe hin und her geschwungen war, wie seine Mutter
immer erzählte – und nach seinem eigenen Grab zu
suchen. Er war nicht sicher, ob er der Erinnerung oder seinem
Instinkt folgte, aber er fand rasch den unteren Weg und
die Biegung, an der die drei Pinien standen. Von dort
waren es noch ungefähr fünf Meter und er bereitete sich
auf den Schock vor, seinen eigenen Namen auf einem
Grabstein neben dem seiner Großeltern zu lesen.
Aber er warf nicht mal einen Blick darauf. Die Anwesenheit
eines Mädchens, das es sich auf der frisch aufgeworfenen
Erde gemütlich gemacht hatte, überraschte ihn zu sehr.
»Entschuldigung«, sagte er, obwohl er genau wusste,
dass niemand ihn hörte. »Du liegst auf meinem Grab.«
Sie sah zu ihm hoch und er fragte sich, ob er wieder
schimmerte. Das Mädchen war ungefähr in seinem Alter
und kam ihm irgendwie bekannt vor.
»Du bist bestimmt Tristan«, begrüßte sie ihn. »Ich
wusste, du würdest früher oder später hier aufkreuzen.«
Tristan starrte sie an.
»Du bist doch Tristan, oder?«, fragte sie, setzte sich auf
und deutete mit dem Daumen auf den Grabstein. »Vor
Kurzem erst verstorben, stimmt's?«
»Vor Kurzem noch am Leben«, korrigierte er sie. Sie
hatte etwas an sich, das ihm Lust machte, sich mit ihr
anzulegen.
Sie zuckte mit den Achseln. »Das sieht jeder anders.«
Er konnte nicht fassen, dass sie ihn hören konnte.
»Und du?«, fragte er und betrachtete ihre eher ungewöhnliche
Aufmachung. »Was ist mit dir?«
»Na ja, nicht gerade vor Kurzem.«
»Verstehe. Hat dein Haar deshalb diese Farbe?«
Ihre Hand schnellte zu ihren Haaren. »Wie bitte?«
Ihre dunkle Igelfrisur hatte einen seltsamen Rotstich
mit lilafarbenen Schatten und sah aus, als wäre eine
Hennatönung schiefgelaufen.
»Es hatte diese Farbe, als ich gestorben bin.«
»Aha. Tut mir leid.«
»Setz dich«, sagte sie und klopfte auf die frisch aufgehäufte
Erde. »Immerhin ist es ja deine Ruhestätte. Ich
hab nur eine Weile hier gepennt.«
»Du bist also … ein Geist«, stellte er fest.
»Wie bitte?«
Wenn sie doch bloß diesen nervigen Tonfall abstellen
würde!
»Hast du ›Geist‹ gesagt? Mann, du bist wirklich ein
Frischling. Wir sind keine Geister, Schätzchen.« Sie
tippte ihm ein paarmal mit einem langen, spitzen dunkellila
Nagel auf den Arm.
Ihm fiel auf, dass ihr Finger nicht durch seinen Arm
glitt. Sie waren tatsächlich aus demselben Material.
»Wir sind Engel, Süßer. So sieht es aus. Kleine Himmelshelfer.«
Ihr Tonfall und die affektierte Art, auf die sie bestimmte
Worte aussprach, gingen ihm allmählich auf die Nerven.
Sie deutete Richtung Himmel. »Da hat jemand einen
schrägen Sinn für Humor. Sucht sich immer die heraus,
die nichts damit am Hut haben.«
»Ich glaub es nicht«, sagte Tristan. »Ich glaub es nicht.«
»Du siehst deine neue Bude also zum ersten Mal? Hast
deine eigene Beerdigung verpasst, was? Das«, stellte sie
fest, »war ein Riesenfehler. Ich hab von meiner Trauerfeier
jede Sekunde genossen.«
»Wo ist dein Grab?«, fragte Tristan und sah sich suchend
um. In den Stein auf der einen Seite seiner Familiengrabstelle
war ein Lamm gemeißelt – das passte
nicht zu ihr. Auf der anderen Seite faltete eine gelassen
blickende Frau die Hände vor der Brust und hob die
Augen gen Himmel – das kam auch nicht infrage.
»Ich wurde nicht begraben. Deshalb wohne ich bei dir
zur Untermiete.«
»Das versteh ich nicht«, erklärte Tristan.
»Erkennst du mich nicht?«
»Ähm, nein«, erwiderte er und befürchtete, sie würde
ihm erklären, sie seien irgendwie miteinander verwandt,
oder er habe sie in der sechsten Klasse mal angebaggert.

»Schau mal von der Seite«, sie zeigte ihm ihr Profil.
Tristan sah sie verständnislos an.
»Junge, du hattest aber auch nicht viel Ahnung vom
Leben, als du noch gelebt hast, oder?«, bemerkte sie.
»Was willst du damit sagen?«
»Du bist nicht häufig ausgegangen.«
»Laufend«, antwortete Tristan.
»Nicht ins Kino.«
»Da war ich ständig«, widersprach Tristan.
»Aber du hast dir nie einen Film mit Lacey Lovitt angeschaut.«
»Klar, hab ich das. Das haben doch alle, bevor – Bist du
etwa Lacey Lovitt?«
Sie verdrehte die Augen. »Na hoffentlich hast du 'ne
schnellere Auffassungsgabe, wenn es um deinen Auftrag geht.«
»Vermutlich liegt es nur daran, dass dein Haar eine
andere Farbe hat.«
»Über meine Haare haben wir schon geredet«, unterbrach
sie ihn und erhob sich dann umständlich vom Grab.
Es war merkwürdig, sie vor den Bäumen stehen zu sehen.
Die Weidenzweige bewegten sich im Wind, ihre
Haare lagen jedoch so glatt an wie bei einem Mädchen
auf einem Foto.
»Jetzt erinnere ich mich«, sagte Tristan. »Dein Flugzeug
ist über dem Meer abgestürzt. Man hat dich nie
gefunden.«

»Stell dir vor, wie ich mich gefreut habe, als ich im
Hafen von New York an Land geklettert bin!«
»Der Unfall war vor zwei Jahren, oder?«
Als er das sagte, senkte sie den Kopf. »Na ja …«
»Ich hab was über deine Trauerfeier gelesen«, fuhr
Tristan fort. »Es waren ein Haufen Promis da.«
»Und ein Haufen Möchtegern-Promis. Die Leute nutzen
jede Gelegenheit, um im Rampenlicht zu stehen.«
In ihrer Stimme lag Bitterkeit. »Du hättest meine Mutter
sehen sollen, wie sie geheult und gejammert hat.«
Lacey posierte wie die Marmorfigur der weinenden Frau
in der nächsten Reihe. »Man hätte echt denken können,
sie hätte jemanden verloren, den sie geliebt hat.«
»Hat sie sicher auch, du warst doch schließlich ihre
Tochter.«
»Du bist echt naiv, oder?« Es war eher eine Feststellung
als eine Frage.
»Wenn du auf deiner eigenen Beerdigung gewesen
wärst, hättest du was über Menschen lernen können.
Vielleicht kannst du immer noch was lernen. Heute
Morgen wird auf der Ostseite jemand beerdigt. Komm,
da gehen wir hin«, forderte sie ihn auf.
»Zu einer Beerdigung? Ist das nicht ein bisschen morbide?«
Sie lachte ihm über die Schulter zu. »Wenn du erst mal
tot bist, Tristan, ist alles oder nichts morbide. Außerdem
sind Beerdigungen total unterhaltsam. Und wenn sie es
nicht sind, sorge ich dafür, dass sie es werden, und du
siehst aus, als könnte dir ein bisschen Aufheiterung echt
nicht schaden. Los, komm.«
»Ich glaube, ich passe.«
Sie drehte sich um und musterte ihn eine Minute lang
verblüfft. »In Ordnung. Wie wär's damit: Vorhin habe
ich eine Gruppe Mädchen zum protzigeren Teil des
Friedhofs laufen sehen. Vielleicht ist das ja lustiger für
dich. Man findet nur selten ein gutes Publikum, vor allem,
wenn man tot ist und die meisten einen nicht sehen
können.«
Sie fing an, im Kreis zu laufen.
»Ja, das ist bestimmt viel besser.« Sie schien ebenso
gern mit sich selbst zu sprechen wie mit ihm. »Dafür
werde ich ein paar Punkte bekommen.« Sie sah zu Tristan.
»Weißt du, Blödsinn auf Begräbnisfeiern zu machen,
wird nicht unbedingt gern gesehen. Aber wenn ich die
Mädels aufmische, erweise ich ihnen damit einen
Dienst. Beim nächsten Mal denken sie zweimal darüber
nach, ob sie sich den Toten gegenüber respektlos verhalten.«
Tristan hatte eigentlich gehofft, dass jemand, der so
war wie er, etwas Klarheit in die Sache bringen würde,
aber –
»Komm schon, lass dich nicht so hängen, Trauerkloß!«
Sie setzte sich in Bewegung.
Tristan lief langsam hinterher und versuchte, sich daran
zu erinnern, ob er je gelesen hatte, dass Lacey Lovitt
einen Knall hatte.

Sie führte ihn zu einem älteren Teil des Friedhofs, wo
die Familiengrabstätten der alteingesessenen, reichen
Bewohner von Stonehill lagen. Auf der einen Seite des
Wegs standen am Hang Mausoleen, deren Fassaden an
kleine Tempel erinnerten. Gegenüber lagen quadratische
Gartenstücke mit großen polierten Grabmalen
und einer Vielzahl Marmorstatuen.
Tristan war schon einmal dort gewesen. Auf Maggies
Bitte hin war Caroline
im Familiengrab der Baines beigesetzt worden.
»Ganz schön protzig, was?«
»Komisch, dass du bei mir zur Untermiete wohnst«,
bemerkte Tristan.
»Weißt du, ich hab zu Lebzeiten richtig Geld gescheffelt
«, sagte Lacey. »Millionen. Aber im Grunde bin ich
ein einfaches Mädchen von der Lower East Side in New
York geblieben. Ich hab mit Soaps angefangen, das
darfst du nicht vergessen – aber egal, lohnt sich nicht,
darüber zu reden. Jetzt, nachdem du weißt, wer ich bin,
fällt dir sicher wieder alles über mich ein.«
Tristan machte sich nicht die Mühe, sie vom Gegenteil
zu überzeugen.
»Was, glaubst du, hatten diese Mädchen vor?«, fragte
sie und blieb stehen, um sich umzusehen. Außer glatten
Steinen, hellen Blumen und saftiggrünem Gras war
nichts zu sehen.
»Ich frage mich, was du vorhast«, erwiderte er.
»Ach, ich werde einfach improvisieren. Du bist wahr195
scheinlich keine große Hilfe. Du hast ja noch keine
Tricks drauf. Vermutlich stehst du nur rum und schimmerst,
als wärst du irgendeine verdammte Christusstatue.
Das heißt, dich bemerken höchstens die wenigen,
die daran glauben.«
»Daran glauben?«
»Hast du das etwa immer noch nicht kapiert?« Sie
schüttelte ungläubig den Kopf.
Er hatte es schon verstanden; er wollte es bloß nicht
zugeben, er wollte nicht, dass es wahr war.
Die alte Dame im Krankenhaus hatte an Engel geglaubt.
Genau wie Philip. Deshalb hatten ihn die beiden
auch schimmern gesehen.
Ivy jedoch nicht. Ivy hatte aufgehört zu glauben.
»Kannst du mehr als nur schimmern?«, fragte Tristan
hoffnungsvoll.
Sie sah ihn an, als hielte sie ihn für einen totalen Vollidioten.
»Was glaubst du, was ich die letzten zwei Jahre
gemacht habe?«
»Keine Ahnung«, erwiderte Tristan.
»Erzähl mir nicht, erzähl mir bitte nicht, dass ich dir
die ganze Sache mit den Aufträgen erklären muss!«
Er überhörte ihren melodramatischen Ton. »Du hast
das schon mal erwähnt. Was hat es mit den Aufträgen
auf sich?«
»Dein Auftrag, mein Auftrag«, erwiderte sie hastig.
»Jeder von uns hat einen Auftrag. Und wir müssen ihn
erfüllen, wenn wir dort hinwollen, wo alle anderen hin196
gegangen sind.« Sie lief weiter, ziemlich zügig, und er
musste sich beeilen, um hinterherzukommen.
»Aber was ist mein Auftrag?«
»Woher soll ich das wissen?«
»Irgendjemand muss mir das doch sagen. Wie soll ich
was erfüllen, wenn ich keine Ahnung habe, wie mein
Auftrag lautet?«, erklärte er frustriert.
»Beschwer dich nicht bei mir!«, fuhr sie ihn an. »Das
musst du selbst rausfinden.« Mit ruhigerer Stimme
fügte sie
hinzu: »Normalerweise ist es etwas, das im Leben
noch nicht zu Ende gebracht worden ist. Manchmal
ist es jemand, der deine Hilfe braucht.«
»Ich hab also mindestens zwei Jahre, um –«
»Na ja, so funktioniert das nicht unbedingt«, meinte
sie und zog auf diese seltsame Weise den Kopf ein, die
ihm schon vorher aufgefallen war. Sie ging vor ihm her,
dann schlüpfte sie durch einen schwarzen Eisenzaun,
dessen verschnörkelte, verrostete Spitzen ein seltsames
Schattenmuster auf die Wände einer alten Steinkapelle
warfen. »Mal sehen, wo die Mädels stecken.«
»Warte«, bat er und streckte den Arm nach ihr aus. Sie
war das Einzige, was er festhalten konnte. »Du musst
mir das erklären. Wie genau funktioniert die Sache mit
den Aufträgen?«
»Nun … du solltest auf jeden Fall so bald wie möglich
herausfinden, wie dein Auftrag aussieht und ihn erledigen.
Manche Engel brauchen ein paar Tage, manche ein
paar Monate.«

»Und du schlägst dich schon zwei Jahre damit herum«,
stellte er fest. »Wie lange brauchst du noch?«
Sie fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. »Keine Ahnung.«
»Toll«, sagte er. »Toll! Ich hab keine Ahnung, was ich
hier soll, und dann finde ich endlich jemanden, der Bescheid
weiß, aber sie braucht achtmal so lang wie alle anderen.«
»Doppelt so lang«, verbesserte sie ihn. »Ich hab mal
einen Engel getroffen, der ein Jahr gebraucht hat. Weißt
du, Tristan, ich lass mich leicht ablenken. Ich will mich
um meinen Kram kümmern und dann bieten sich
plötzlich all diese Gelegenheiten – und sie sind einfach
zu gut, als dass ich sie mir entgehen lassen könnte. Manches
davon wird nicht gern gesehen.«
»Manches? Was denn?«, fragte Tristan misstrauisch.
Sie zuckte mit den Schultern. »Einmal hab ich einen
Bühnenkronleuchter in Richtung Kopf meines dämlichen
früheren Regisseurs krachen lassen – natürlich
knapp an ihm vorbei. Er war ein großer Fan von Phantom
der Oper – das sind eben Gelegenheiten, die man
nutzen muss. Und so läuft das normalerweise bei mir.
Ich bin zwei Punkte weiter, dann passiert etwas und ich
verliere wieder drei Punkte und bekomme meinen Auftrag
nie so richtig auf die Reihe.
Aber mach dir keine Sorgen – vielleicht bist du ja talentierter
als ich. Für dich ist das sicher ein Klacks.«
Irgendwann wache ich auf, dachte sich Tristan, und
dieser Albtraum hat ein Ende. Ivy wird in meinen Armen
liegen –
»Was wetten wir, dass die Mädels in der Kapelle sind?«
Tristan betrachtete das graue Steingebäude. Vor den
Türen hingen, seit er denken konnte, dicke Ketten.
»Kommt man da rein?«
»Wir kommen immer irgendwie rein. Die Mädels klettern
über ein zerbrochenes Fenster auf der Rückseite.
Irgendwelche Sonderwünsche?«
»Was?«
»Irgendwas, was ich tun soll?«
Weck mich auf, dachte Tristan. »Äh, nein.«
»Keine Ahnung, was in deinem Kopf vor sich geht,
Trist, aber du benimmst dich toter als tot.«
Dann schlüpfte sie durch die Wand. Tristan folgte ihr.
Durch ein leuchtend grünes Rechteck an der Stelle,
wo das Fenster auf der Rückseite fehlte, drang schwacher
Lichtschein, ansonsten war die Kapelle fast dunkel. Auf
dem Boden lagen vertrocknete Blätter und abgeblätterter
Putz, außerdem zerbrochene Flaschen und Zigarettenkippen.
Die Holzbänke waren mit Initialen und
schwarzen Symbolen bedeckt, mit denen Tristan nichts
anfangen konnte.
Die Mädchen, die er für elf oder zwölf hielt, saßen im
Kreis vor dem Altar und kicherten nervös.
»Okay, wen wollen wir zurückrufen?«, fragte eine von
ihnen. Sie sahen sich gegenseitig an, dann schauten sie
sich in der Kapelle um.

»Jackie Onassis«, schlug ein Mädchen mit braunem
Pferdeschwanz vor.
»Kurt Cobain«, meinte eine andere.
»Meine Großmutter.«
»Meinen Großonkel Lennie.«
»Ich habe eine Idee!«, rief eine kleine Blonde mit Sommersprossen.
»Wie wär's mit Tristan Carruthers?«
Tristan war verdutzt.
»Zu blutig«, beschloss die Anführerin.
»Stimmt«, gab ihr die Braunhaarige recht und spielte
an ihrem Pferdeschwanz herum. »Wahrscheinlich steckt
ihm ein Geweih im Kopf.«
»Igitt, widerlich!«
Lacey kicherte.
»Meine Schwester ist voll auf ihn abgefahren«, meinte
die sommersprossige Blonde. Lacey zwinkerte Tristan zu.
»Einmal, als wir im Pool rumgeblödelt haben, hat er
uns rausgepfiffen. Das war cool.«
»Der war echt ziemlich süß!«
Lacey steckte sich den Finger in den Hals und verdrehte
die Augen.
»Vielleicht trotzdem zu blutig«, meinte eine Rothaarige.
»Wen könnten wir sonst noch rufen?«
»Lacey Lovitt.«
Die Mädchen sahen sich an. Wer hatte das gesagt?
»Ich erinnere mich an sie. Sie hat in Dark Moon Running
mitgespielt.«

»Dark Moon Rising.«
Das war doch Laceys Stimme, dachte Tristan. Sie klang
vertraut, aber anders, so wie die Stimme eines Schauspielers
im Fernsehen anders klingt, als wenn man ihm
gegenübersteht. Irgendwie schaffte sie es, so zu reden,
dass die Mädels sie hörten.
Die Mädchen blickten sich um, sie wirkten ein wenig
ängstlich. »Los, wir fassen uns an den Händen«, schlug
die Anführerin vor. »Wir rufen Lacey Lovitt zurück.
Wenn du hier bist, Lacey, gib uns ein Zeichen.«
»Ich konnte Lacey Lovitt nie leiden.«
Tristan sah, wie Laceys Augen aufblitzten.
»Psst. Die Geister sind jetzt hier bei uns.«
»Ich sehe sie!«, rief die kleine Blonde. »Ich seh ihr
Licht! Sie sind zu zweit.«
»Ich seh sie auch.«
»Ich nicht«, sagte das Mädchen mit dem braunen Pferdeschwanz.
»Ach kommt, wir nehmen jemand anderen als Lacey Lovitt.«
»Ja, sie war eine Nervensäge.«
Jetzt war es an Tristan zu kichern.
»Ich mag dieses neue Mädchen in Dark Moon, das ihre
Rolle übernommen hat.«
»Ich auch«, stimmte die Rothaarige zu.
»Sie spielt viel besser. Und sie hat schönere Haare.«
Tristan hörte auf zu lachen, stattdessen sah er vorsichtig
zu Lacey.

»Aber die ist nicht tot«, stellte die Anführerin fest.
»Wir rufen Lacey Lovitt! Wenn du hier bist, Lacey, gib
uns ein Zeichen.«
Zuerst wirbelte ein wenig Staub auf und Tristan sah,
wie Lacey sich immer mehr auflöste. Dann legte sich der
Staub und da war sie wieder, rannte um den Kreis herum
und zog die Mädchen an den Haaren.
Sie quietschten und griffen sich an die Köpfe. Sie kniff
zwei von ihnen, dann nahm sie ihre Pullis und warf sie
kreuz und quer durch die Kapelle.
Da waren die Mädchen schon aufgesprungen. Sie
schrien und rannten zu der Fensteröffnung.
Über ihre Köpfe flogen leere Flaschen, knallten gegen
die Kapellenwand und zerbrachen.
Blitzschnell waren die Mädchen verschwunden, ihre
Schreie hallten hinter ihnen her wie Vogelrufe.
»Na ja«, meinte Tristan, als es wieder still war, »vermutlich
können alle froh sein, dass hier kein Kronleuchter
hängt. Geht's dir jetzt besser?«
»Freche Biester!«
»Wie hast du das gemacht?«, fragte er.
»Ich hab diese neue Schauspielerin gesehen, sie ist scheiße.«
»Bestimmt«, erwiderte Tristan, »ist sie nicht annähernd
so dramatisch wie du. Du hast sie an den Haaren gezogen
und Zeug durch die Gegend geworfen. Wie hast du
das angestellt? Ich kann mit meinen Händen überhaupt
nichts greifen.«

»Find es selbst raus!« Sie war immer noch auf hundertachtzig.
»Schönere Haare!« Sie zerrte an den lilafarbenen
Strähnen. »Das ist mein ganz persönlicher Stil.« Sie
warf Tristan einen bösen Blick zu.
Er lächelte sie an.
»Und was den Gebrauch meiner Hände anbelangt«,
sagte sie, »bildest du dir ernsthaft ein, ich würde meine
kostbare Zeit damit vergeuden, dir das beizubringen?«
Tristan nickte. »Man findet selten ein gutes Publikum«,
erinnerte er sie, »vor allem, wenn man tot ist und die
meisten einen nicht sehen.«
Er ließ sie schmollend in der Kapelle zurück. Wenn sie
sich beruhigt hatte, würde sie ihn schon finden.
Als er wieder in der Mittagssonne stand, blinzelte
Tristan.
Während er unterschiedliche Temperaturen nicht
wahrnahm, schien er jedoch auf Licht und Dunkelheit
ausgesprochen empfindlich zu reagieren. In der dämmrigen
Kapelle hatte er die Aura jedes Mädchens deutlich
wahrgenommen, doch jetzt, hier draußen im Schatten
der Bäume, kamen ihm die Sonnenflecken blendend
grell vor.
Vielleicht hielt er den Besucher deshalb für Gregory.
Die Art, wie er sich bewegte, das dunkle Haar und seine
Kopfform bestärkten Tristan, dass es Gregory sein
musste,der sich vom Familiengrab der Baines entfernte.
Doch plötzlich drehte sich der Besucher um, als hätte er
gespürt, dass ihn jemand beobachtete.
Er war wesentlich älter als Gregory, um die vierzig,
und sein Gesicht war schmerzverzerrt. Tristan streckte
die Hand nach ihm aus, aber der Mann wandte sich ab
und setzte seinen Weg fort.
Auch Tristan ging weiter, aber erst, nachdem ihm die
langstielige rote Rose auf dem frischen grünen Hügel
von Carolines Grab aufgefallen war.

© 2011, by Elizabeth-Chandler | Deutsche Übersetzung: Claudia Max.

Online- Publikation der übersetzten Textauszüge mit freundlicher Genehmigung des Loewe Verlag.
Publication of translated excerpts by courtesy of the Loewe Verlag.